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März 02/2000
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hintergrund

Enquete­Kommission Demographischer Wandel

Von der Pyramide zum Pilz

Wenn es um unsere Zukunft geht, ist kaum ein Begriff so wichtig wie – das Volkszeichnen. Noch nie gehört? Und doch ist der Name in aller Munde, obwohl sich die wenigsten etwas darunter vorstellen können. Der Bundestag hat jetzt zum dritten Mal eine Enquete­Kommission gebildet, in der sich Abgeordnete und Wissenschaftler die nächsten Jahre intensiv damit befassen werden. Sie nennen es Demographie, was auf dasselbe hinausläuft. Denn die Zusammensetzung aus den griechischen Wörtern für "Volk" und "Zeichnen" ergibt "Demographie" – die Beschäftigung mit der Entwicklung der Bevölkerung.

Nie war sie so wichtig wie heute, da sich klar absehen lässt, wie sehr sich die Veränderung in den nächsten Jahrzehnten in nahezu allen Bereichen unseres Zusammenlebens bemerkbar macht, ja es gründlich durcheinander schütteln wird. Frühzeitig Vorsorge zu treffen, um Schieflagen erst gar nicht entstehen zu lassen, ist das Gebot der Stunde – und der Auftrag an die Enquete­Kommission "Demographischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den einzelnen und die Politik."

Früher bildeten wir alle eine Pyramide. In 40 Jahren werden wir zum Pilz. Das ist, auf zwei Schaubilder gebracht, der Unterschied zwischen dem "traditionellen" Bevölkerungsaufbau und dem, auf das wir hinsteuern. Vor 100 Jahren waren unten ganz viele Kinder, in den Altersgruppen der Jugendlichen gab es schon weniger. Je höher man in den Altersgruppen kam, umso weniger Menschen wurden gezählt. Diejenigen, die 90 oder mehr Jahre auf dem Buckel hatten, waren verschwindend wenige. Ganz klar: eine Pyramide.

Deutschland 1998: Immer mehr älteren stehen immer weniger jüngere Menschen gegenüber.
Deutschland 1998: Immer mehr älteren stehen immer weniger jüngere Menschen gegenüber.

Ganz anders das Bild der Altersschichtung zu unseren Zeiten: Die größte Gruppe stellen nicht die Kinder bis zu fünf Jahren, sondern die Menschen in den 30ern. Knapp dahinter folgen die 55­ bis 60­Jährigen. Und die Zahl der ganz Alten hat gegenüber dem Jahre 1900 deutlich zugenommen.

In weiteren vier Jahrzehnten wird sich diese Entwicklung noch beschleunigt haben. Nur noch zwölf Prozent der Menschen werden dann zwischen null und 14 Jahren alt sein, aber über 26 Prozent zwischen 60 und 69: schlanker Stängel, breiter Kopf. Ganz klar: ein Pilz.

Der Übergang von der Pyramide zum Pilz ist nicht nur ein hübsches Analysefeld für Wissenschaftler, er bietet ungeheuer viel Sprengkraft. Die sozialen Sicherungssysteme von heute können so nicht bleiben, wenn sie auch in 40 Jahren noch ihre Funktion erfüllen wollen. Immer weniger Arbeitnehmer finanzieren immer mehr Rentner. Dieses Schlagwort ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich kommen die Finanzierungssysteme unter doppelten Druck. Denn es gibt nicht nur immer mehr ältere Menschen. Es gibt parallel dazu auch eine steigende Lebenserwartung. Mit vielfältigen Konsequenzen. Beispielsweise "produziert" ein 20­Jähriger im Schnitt 1.400 Mark "Gesundheitskosten" pro Jahr, ein 40­Jähriger 2.500 Mark und ein 80­Jähriger 6.700 Mark. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird nicht nur von heute 1,7 Millionen auf 2,8 Millionen ansteigen – auch die Dauer der Pflege nimmt zu. Doch wir greifen zu kurz, wenn wir "Alter" mit "Problem" gleichsetzen. Das Gegenteil wird eintreten: Da nur ältere Menschen den Bedarf an Arbeitskräften decken werden, wird auch die arbeitende Bevölkerung im Schnitt älter werden – und sehr viel mehr von den vielfältigen Erfahrungen der Älteren profitieren können als heute.

Nicht nur die Alterszusammensetzung ändert sich radikal, auch die Lebensumstände des Einzelnen sind längst nicht mehr so wie noch vor einer Generation. Das Verhältnis von Eheschließungen und Scheidungen lautete 1960 noch 11:1. Heute liegt es schon unterhalb von 3:1. Damals waren jedes Jahr 67.000 Kinder von Scheidungen direkt berührt, doch obwohl heute wesentlich weniger Kinder geboren und Ehen geschlossen werden, sind es inzwischen fast drei Mal so viele minderjährige Betroffene. Die Zahl der nichtehelichen Gemeinschaften hat sich seit den 70er Jahren verzehnfacht.

Wo man auch hinsieht: Demographie hält an allen Ecken und Enden gewaltige Herausforderungen für die Politik bereit.Dazu soll die Enquete­Kommission Vorschläge erarbeiten. Doch es drängt. Man wird nicht abwarten, bis das Gremium alle Angelegenheiten überdacht hat. Wie kaum eine andere Enquete­Kommission wird diejenige zum "demographischen Wandel" bei ihren Erhebungen, Anhörungen, Tagungen parallel sogleich Impulse in den aktuellen Gesetzgebungsprozess geben. Schließlich sind Reformen der Sozial­ und Rentensysteme keine Angelegenheit von morgen, sondern parteiübergreifende Schwerpunkte schon für die laufende Wahlperiode. Gregor Mayntz

Infos

Ausführliche Informationen zum Thema in der Broschüre "Stichwort Enquete­Kommissionen" des Bundestages. Der Bericht der Enquete­Kommission "Demographischer Wandel" aus der 13. Legislaturperiode ist auf CD­ROM erhältlich.

Beides kann angefordert werden beim Deutschen Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Telefon 030/227­274 53 oder Telefax 030/227­265 06.

Quelle: http://www.bundestag.de/bp/2000/bp0002/0002080
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