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Juli 06/1999
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Parlaments­ und Regierungsviertel im Herzen von Berlin

Regierungsviertel nennen die Berliner gerne das Quartier in der Nähe des Reichstagsgebäudes, obwohl es sich in Wahrheit um das künftige Parlaments­ und Regierungsviertel handelt. Kurioserweise hat die hauptstädtische Schnoddrigkeit einen wahren Hintergrund. Denn die Gebäude, die von Abgeordneten, Fraktionen und der Verwaltung des Bundestages bezogen werden, wurden meist für Regierungszwecke erbaut.

Von der Kaiserzeit bis in die DDR reicht die Zeitspanne ihrer Entstehung. In die Anfangszeit der politischen Tradition des Stadtviertels östlich des Brandenburger Tores weist das Eckhaus Wilhelmstraße 60, Behrenstraße. Der preußischschlichte Verwaltungsbau, in den die CDU/CSU­Fraktion einziehen wird, gehörte einst zum Areal des preußischen Ministeriums für Kultus, Unterricht und Medizinalwesen, das 1849 Unter den Linden im ehemaligen Palais des Königs von Hannover einquartiert wurde. Das sandsteinfarbene Eckhaus ist ein Erweiterungsbau des Ministeriums, der 1901 bis 1903 nach Plänen des Architekten Paul Kieschke im Stil der italienischen Renaissance vereinfacht wurde. Im Inneren sind reichhaltige Details aus der Entstehungszeit - etwa das repräsentative Treppenhaus - zu bewundern.

3D Ansicht Bundesttag

Als Bundestagshaus im Alltag Berlins bereits seit Jahren präsent ist das Nachbargebäude Unter den Linden 71, das gleichfalls von der Union genutzt wird. Seit 1995 saß in dem modernisierten Bürohaus die Berliner Dienststelle der Verwaltung des Bundestages. Das Bauwerk ist ein Erbstück der DDR­Regierung, durch einen totalen Umbau als solches aber nicht mehr zu erkennen. Auf dem Stammareal des preußischen Kultusministeriums hatte die DDR einen Neubau für das Ministerium für Volksbildung errichtet. Nach der Wende kam das Gebäude des Ministeriums von Margot Honecker in Bundesbesitz und wurde einer architektonischen Roßkur unterzogen. Bis auf das Stahlskelett wurde der marode 60er­Jahre­Bau "entkleidet". Die neue Fassadengestaltung aus Sandstein und einem Gesims aus verwittertem Kupfer knüpft an das schlichte, aber repräsentative Aussehen preußischer Verwaltungsgebäude an, ohne die moderne Form zu kaschieren. Verkaufsläden und ein Café im Erdgeschoß beleben das Bundestagshaus, das direkt neben dem Hotel Adlon liegt.

Die gleiche radikale Verwandlung machte der Gebäudeblock Unter den Linden 50 mit, der vis à vis der russischen Botschaft liegt. Die DDR hatte 1962 bis 1965 auf dem Karree zwischen Schadowstraße und Neustädtische Kirchstraße nach Plänen von Emil Lebold das Ministerium für Außen­ und Innerdeutschen Handel errichtet. 30 Jahre später baute das Bundesbauministerium den Stahlskelettbau nach Plänen des Berliner Architekten Alexander Kolbe für den Bundestag um. Die nicht mehr standfeste Rasterfassade wurde durch eine Naturstein­Verkleidung aus Travertin ersetzt, die Innenräume auf bundesdeutsche Norm gebracht. Im Erdgeschoß ist Platz für vier Läden. Der Umbau kostete 121,7 Millionen Mark; seit Sommer 1997 warten 450 Büros auf eine Nutzung durch die Parlamentarier. Die SPD­Fraktion wird hier ihr Quartier beziehen.

Ein architektonisches Kleinod ist der Sitz der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Die reichverzierte Fassade des Hauses in der Luisenstraße 32­34 nördlich der Spree bildet einen wohltuenden Kontrast zu den realsozialistischen Plattenbauten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der renovierte Altbau ist ein Bauzeugnis der noch jungen, aufstrebenden Reichshauptstadt Berlin. Zwischen 1887 und 1891 wurde das Gebäude für das neueingerichtete kaiserliche Parlament vom Architekt August Busse gebaut. Die DDR nutzte den kriegsverschonten Bau als Sitz der Generalstaatsanwaltschaft. Auffällig ist die neubarocke Sandsteinfassade, die mit detailliert gestalteten Bauplastiken verziert wurde. Auch hinter der wilhelminischen Fassade ist viel von der ursprünglichen Bausubstanz erhalten, wie etwa Treppenaufgänge und hohe Säle mit gewölbten Decken. Der bildhauerische Schmuck und die Figuren gehen auf Modelle von Otto Lessing zurück.

Ganz ohne verspielten Zierrat präsentiert sich die Adresse der F.D.P.­Fraktion. Der Altbau in der Dorotheenstraße 93 ist ein typisches Bauwerk der NS­Zeit, das 1936/37 nach Plänen des Architekten Konrad Nonn für das Reichsministerium des Innern errichtet wurde. Im Stil der "neoklassizistischen" Regierungsbauten besteht die Fassade des Stahlskelettbaus aus düster wirkenden Hausteinplatten. Der Ehrenfriedhof zur Straße unterstreicht die ehemalige Funktion des Gebäudes. Ein Hauptportal mit dorischen Säulen, ein Flachdach und Fenster mit vorgelegten Rahmen sind die weiteren Elemente der NS­typischen Architektursprache. Mehrere Treppenhäuser sind noch weitgehend im Originalzustand der 30er Jahre. Die DDR­Regierung nutzte den Verwaltungsbau bis zuletzt als Sitz des Justizministeriums.

Eine wechselvolle Geschichte hat das Altbau­Ensemble an der Mauerstraße 34­38, in das die PDS­Fraktion und Teile von SPD und der CDU/CSU einziehen werden. Nach 1948 Sitz des DDR­Innenministeriums, waren die zwei Häuser beiderseits der Französischen Straße vorher Stammsitz der Deutschen Bank. Das Haus Französische Straße Ecke Behrenstraße wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut durch die Architekten Ende & Böckmann und von Wilhelm Martens erweitert. Die Fassade ist nur noch in stark vereinfachter Form erhalten. Als die Deutsche Bank zum größten Geldinstitut heranwuchs, das im historischen Berliner Bankenviertel ansässig war, errichtete das Bankhaus auf dem südlich angrenzenden Block 1910 einen Erweiterungsbau. Über eine steinerne Straßenbrücke sind die beiden Häuser noch heute verbunden. Das Bauwerk ist mit Natursteinplatten verkleidet. Nach Kriegsschäden wurde das Gebäude 1950/51 stark vereinfacht und schmucklos wiederaufgebaut. Vollständig erhalten ist noch der zweigeschossige Tresor unter der ehemaligen Kassenhalle.

Ein modernes Geschäftshaus in der Friedrichstraße ist schließlich letztes Domizil für Abgeordnete von CDU/CSU und SPD. Das sogenannte "Rosmarin­Karree" in der Friedrichstraße 83 wurde zwischen 1995 und 1998 in einer Baulücke errichtet. Den Entwurf zeichneten die Architekten Jürgen Böge und Ingeborg Lindner­Böge aus Hamburg. Rund 280 Büros mietete der Bundestag für die Fraktionen an. Ein zweites "Mietshaus", diesmal für Europaabgeordnete und Fraktionsdienste, befindet sich ebenfalls in der Friedrichstraße direkt am gleichnamigen Bahnhof. Im "Internationalen Handelszentrum", einem Bürohochhaus aus DDR­Zeiten, wurden 25 Räume angemietet.

Die Bundestagsverwaltung wird in zwei renovierte DDR­Bauten in der Bunsenstraße 2 und der Wilhelmstraße 65 einziehen, die im Bundesbesitz sind. Künftig werden Abgeordnete und Mitarbeiter hautnah miterleben, wie die Neubauten im Parlamentsviertel am Reichstag langsam fertiggestellt werden. Der Einzug in das Jakob­Kaiser­Haus östlich vom Plenargebäude ist für Frühjahr 2001 geplant, die Nutzung des Paul­Löbe­Hauses, das nördlich vom Reichstag gebaut wird, ist Ende 2000 möglich.

Quelle: http://www.bundestag.de/bp/1999/bp9906/9906090
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