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Unter den Linden 71
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Ann Holyoke Lehmann: Das Raumwerk 'ARK'

Unter den Linden 71: Großer Sitzungssaal: Das Raumwerk 'ARK'
Großer Sitzungssaal: Das Raumwerk 'ARK'
© S. Erfurt

Im ersten Buch Mose finden sich Unterweisungen zum Bau der Arche selbst, eines der bekanntesten Sinnbilder jüdisch-christlicher Tradition, eines Kastens, der 30 auf 300 auf 50 Ellen misst. Liest man "Zentimeter" für "Elle" (eine archaische Maßeinheit von ca. 50 cm Länge), kommt man auf ein Format, das dem Volumen eines größeren Tierkörpers nicht unähnlich ist. Erste Versuche, sieben Paare solcher Quader auf die fensterlose östliche Längswand des Saales zu verteilen, führten alsbald zu der Erkenntnis, dass sämtliche Maße, als Dezimeter ausgedruckt, zur Fibonacci-Reihe (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, ...) gehören. So hatte ich kurzerhand sprachliches und numerisches Rohmaterial beisammen: Worte aus dem Alten Testament als Leitfaden für Form und Inhalt der Arbeit und mit dem Goldenen Schnitt verwandte Zahlen als im Raum und Werk gültigen Maßstab. Als Titel wählte ich das englische Wort ark, das sich sowohl als "Arche (Noah)" wie auch "(Bundes-)Lade" übersetzen lässt.

Man betritt den Saal durch die Tür in der südlichen Stirnwand und sieht auf der gegenüberliegenden Wand zwischen Türrahmen und dem schweren, auskragenden Stucksims einen blattvergoldeten Holzbalken, der 7,2 m in der Länge und 10 auf 10 cm im Querschnitt misst. Als Programm und Schlüssel zum Raum und Werk, in erhabenen Lettern geschrieben, steht auf diesem Schriftbalken folgende Legende:


Mache dir einen Kasten von tennen Holtz / Drey hundert
Ellen sey die lenge / funffzig die weite / dreissig die hoehe.


Unter den rhythmisch angeordneten Kastenpaaren der östlichen Längswand - in Augenhöhe eines sitzenden Menschen - verläuft ein zweiter goldener Balken, der doppelt so lang wie der erste ist. Auf diesem liest man den Wortlaut des Auftrages an den Gerechten; auf einem dritten und letzten Schriftbalken, der über der Eingangstür auf der südlichen Stirnwand spiegelbildlich zu dem zuerst beschriebenen angebracht ist, steht:

Unter den Linden 71: Schrifttafel im Haupttreppenaufgang
Schrifttafel im Haupttreppenaufgang
© S. Erfurt

So lange die Erden stehet / sol nicht auffhoern / Samen vnd
Ernd / Frost vnd Hitz / Sommer vnd Winter / Tag vnd Nacht.


Die moderne serifenlose Schrift bildet einen scharfen Gegensatz zur frühneuhochdeutschen Orthographie der im deutschen Volksleben so bedeutenden - auch sprachlich einigenden - Bibel Luthers.

Um im Saal und seinem Vorraum Fenster, Türen, Fußboden, abgehängte Decke, Täfelungen, Fensterläden, Heizkörperabdeckungen, Sockelleisten sowie sämtliche Messingbeschläge zu entwerfen, habe ich den gleichen Zahlenkanon wie für die Wandplastik eingesetzt. Auf das 1 : 2 Modul des etwa 8 x 16 m großen Saales nimmt - von den Kastenpaaren bis zur optischen Verdoppelung des Garderobenbereiches durch einen wandhohen Spiegel – die gesamte Gestaltung Bezug.

Ganz am anderen Ende des Gebäudes besitzt die große, zum Werkkomplex ARK gehörende Schrifttafel ebenfalls diese Proportion. Sie befindet sich im aufwendig restaurierten Haupttreppenaufgang. Die erhabenen Buchstaben ihrer schlagmetallenen Oberfläche teilen den Schluss der biblischen Sintflutgeschichte mit.


Ann Holyoke Lehmann
geb. 1951 in Columbus, Ohio, USA, lebt und arbeitet in Berlin:
Das Raumwerk ARK . Gesamtgestaltung des Großen Sitzungssaales und seines Vorraumes sowie die Schrifttafel im Haupttreppenaufgang Unter den Linden 71. Entwurf 1994-1995, Ausführung 1994-1996
Quelle: http://www.bundestag.de/bau_kunst/kunstwerke/lehmann/
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