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Debatte
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Wortlaut der Reden

Gert Weisskirchen (Wiesloch), SPD Dr. Harald Schreiber, CDU/CSU >>

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das ist eine gute Debatte. Sie ist und wird spannend, wie wir sehen, weil sie sich von den Verwirrungen derjenigen befreit, die in der Organbank gesessen haben. Ich bin froh darüber, daß wir zeigen: Dieses Parlament ist in der Lage, über die Frage der Hauptstadt mit politischer Kultur zu streiten. Vielen Dank schon einmal dafür!

(Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)

Bonn, unsere kleine Stadt, liebenswert in die Flußlandschaft geschmiegt, castrum bon(n)um, ein Zeichen der Dauer. Sie sieht gut aus; sie sieht heil aus. Man kann eine lange Weile gut in ihr leben. Das ist viel auf der Folie dieses Jahrhunderts. Hier konnte im Wechselspiel von Regierung und Opposition unsere Republik aus ihren Häutungen erwachsen -- mit festem Blick nach Westen, über ihre Grenzen hinweg. Anders als wir sind unsere benachbarten westlichen Nationen aus Revolutionen geboren. Unsere demokratischen Anfänge waren spät. Demokratie wurde uns verliehen. Die parlamentarische Demokratie trägt bis heute die Angst vor dem Volk.

Bonn, schön anzusehen, Adenauer hatte es sich ausersehen. Es ist nahe genug an Köln, das einmal ein geistlicher Herrscher hat fliehen müssen, weil sein Bürgertum aufbegehrte. So wurde Bonn zum ersten Male Residenz. Was bleibt? Die Demokratie! Hier hat sie eine Hauptstadt gefunden, geboren im Kopf des Alten aus Rhöndorf. Die Geschichte hat es gut gemeint mit Bonn, der Zufälligen -- brav erzogenen Tochter, artig und adrett.

Was will da noch Berlin, die freche Göre? Harpprecht sagt: »Berlin ist keine Stadt des Westens.« Das ist die Unglückliche, explodiert im Taumel der Modernisierungsschübe, immerfort zu werden und niemals zu sein. Berlin war nie feste Burg, wie Herrscher ihre Hauptstadt wollen. Sie blieb zahm und unberechenbar, aufnahmebereit gegen die Verängstigten.

(Zurufe von der CDU/CSU: Was soll denn das? --

Allgemeine Unruhe)

Berlin, das war auch die Stadt der Reform, des widersprüchlichen Versuches der Versöhnung zwischen Aufklärung, Bürgertum und Arbeiterbewegung, der erstickten Revolution von 1848. Stadt der Ungleichzeitigkeit: Von der Dahlemer Villa im grünen Westen zur Marzahner graubetonierten Wüste quert sie Kiez, das Ausländerghetto -- Asphaltorgie, Sprung von Marx zu Madonna, schrill, zart und unbarmherzig. Berlin, das schroffe Gegeneinander der unerhörten Solitäre: die Museumsinsel, die Oper, steinerne Zeugen. Die neuen Solitäre im Westen, die Staatsbibliothek, die Philharmonie, erhoben sich zum Trotz gegen den planen Aufmarschplatz, der den Namen Alexander tragen muß. Von dort, auf dem Alexanderplatz, nahm das Volk in der DDR diesen öffentlichen Raum in seinen Besitz und zerbrach mit friedvoller Gewalt die Mauer.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und der FDP)

Es lebte seine Tradition des Umbruchs, knüpfte an seine revolutionären Kräfte wieder an.

Wer vom Reichstag zu Fuß geht, am Brandenburger Tor vorbei, der betritt märkischen Sand. Da stand die Mauer, suchte Alfred Döblin nach Spuren von Glück in der Verzweiflung des Biberkopf; hier vergrub sich Hitler, schrien Soldaten, deutsche und russische, nach ihrer Mutter. Hier blicken wir auf die Wüste, die sie uns hinterlassen haben. Sie ruft nach neuem Leben. Dort wird es gebraucht, das Parlament, um ein besseres, ein europäisches Deutschland zu bauen.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/CSU und der FDP)

Vizepräsident Hans Klein: Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Harald Schreiber.

Quelle: http://www.bundestag.de/bau_kunst/berlin/debatte/bdr_059
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