Prof. Bronislaw Geremek zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Der ehemalige Außenminister der Republik Polen, Prof. Dr.
Bronislaw Geremek, ist der Hauptredner der Veranstaltung im
Deutschen Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des
Nationalsozialismus (28. Januar 2002, 14 Uhr). Prof. Geremek
führt in seiner Rede aus:
"Ich betrachte die Teilnahme am "Tag des Gedenkens an die Opfer des
Nationalsozialismus", zu der Sie mich eingeladen haben, als
Auszeichnung und als ein Privileg. Für einen polnischen
Intellektuellen und Politiker ist sie jedoch auch ein harter
Prüfstein. Seit jener Zeit, da das Dritte Reich Polen
überfiel und das polnische Volk zum kollektiven Opfer des
Nationalsozialismus wurde, sind mehr als sechzig Jahre vergangen.
In unseren beiden Ländern sind Generationen herangewachsen,
für die der Zweite Weltkrieg und die beiden totalitären
Systeme, diese Schande Europas, einer Geschichte angehören,
die weit zurückliegt und die sie nicht selbst erlebt haben. Es
könnte sich also die Frage aufdrängen, ob wir die
Erinnerung an jene schlimme Zeit, die Deutsche und Polen doch nur
trennen kann, nicht dem Vergessen anheimgeben sollten. Wirkliche
Versöhnung, die die Voraussetzung für die Vereinigung
Europas ist, kann sich indes nur in der Wahrheit und ohne
Ausblendung des Gedächtnisses vollziehen.
Papst Johannes Paul II. fand 1979, auf seiner ersten Pilgerfahrt
nach Polen, die ihn auch nach Auschwitz-Birkenau führte, die
folgenden Worte über den Ort des Verbrechens im Gewissen der
Menschheit: [dies] "sagt der Sohn eines Volkes, dem in seiner
Geschichte, der ferneren und der näheren, mannigfaches
Ungemach durch andere widerfahren ist. Erlaubt jedoch, dass ich
diese anderen nicht beim Namen nenne - erlaubt, dass ich sie nicht
nenne... Wir stehen an einem Ort, wo wir an ein jedes Volk und an
einen jeden Menschen als an einen Bruder denken wollen. Und wenn in
dem, was ich sagte, auch Bitterkeit war - meine lieben Brüder
und Schwestern, ich habe es nicht gesagt, um irgendwen anzuklagen -
ich habe es gesagt, um zu erinnern."
Lassen Sie mich der Intention dieser Worte folgen. Die Erinnerung
an die Vergangenheit darf nie gegen ein Volk gerichtet sein, darf
niemals Stoff sein für kollektive Schuldzuweisung oder
für die Suche nach kollektiver Verantwortung. In den
Jahrzehnten, die seit dem Krieg vergangen sind, ist nicht nur ein
Wechsel der Generationen erfolgt, es haben sich auch die
Beziehungen zwischen Deutschen und Polen grundlegend gewandelt. Die
Feindschaft zwischen unseren beiden Völkern war verankert in
der auf Jalta folgenden Ordnung und in der Welt der Berliner Mauer.
Beide Völker hatten Vertreibung erfahren, doch das Leid der
aus Wilna oder Lemberg Vertriebenen und das Leid der aus Breslau
oder Stettin Vertriebenen verband keineswegs, sondern wurde zum
Baustein einer politischen Konstruktion, die unsere Völker
trennen und die Feindschaft zwischen ihnen befestigen sollte. Die
kommunistische Herrschaft war Polen gewaltsam aufgezwungen worden,
sie aber fand die eigene Rechtmäßigkeit darin, dass die
Sowjetunion, ihr eigentlicher Machtgeber, der Garant für die
deutsche Teilung war und somit auch der Verteidiger der polnischen
Interessen gegen Deutschland, den Erbfeind Polens. Deshalb wurde
die Botschaft der polnischen Bischöfe, wurden ihre
historischen Worte "Wir vergeben und bitten um Vergebung" nicht als
ein Aufruf zur Versöhnung angesehen und als ein in die Zukunft
weisender Gedanke, sondern als politischer Angriff gegen die
Regierung, ja - so die offizielle Propaganda - als ein Akt des
Verrats an den polnischen Interessen. Aus dem gleichen Grund
gefährdete auch die Forderung der "Solidarnosc"-Bewegung nach
einer neuen internationalen, auf der Freiheit des Menschen und der
Freiheit der Völker fußenden Ordnung die polnische
Staatsräson. Dabei bedurfte doch einzig das kommunistische
System der Teilung Deutschlands.
Gestatten Sie mir eine Abschweifung. Als mich nach Einführung
des Kriegsrechts 1981 ein Militärkonvoi durch eine polnische
Kleinstadt transportierte, erblickte ich an den Hauswänden
Plakate, die Konrad Adenauer im Gewand der deutschen Ordensritter
zeigten. Das sollte besagen, der Erbfeind schläft nicht, er
lauert Polen noch immer auf. Daneben hing ein Plakat, auf dem ein
Stammbaum mit den Verrätern der Nation abgebildet war, und
dort fand ich, neben den Namen meiner Freunde aus der
demokratischen Opposition, auch meinen Namen. Wir trugen zwar nicht
die Kreuzrittertracht, doch der Bezug war offensichtlich. Ein paar
Jahre danach, am 1. September 1989, als Johannes Rau zum
fünfzigsten Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen
in Warschau einen Besuch abstattete, sagte ich einer deutschen
Zeitung, die "Solidarnosc" sei überzeugt, Polen, ganz Europa
brauche die Vereinigung Deutschlands, denn sie setze die auf Gewalt
und Unrecht basierende Ordnung außer Kraft und schüfe
zugleich die Bedingungen für eine Aussöhnung zwischen
Deutschen und Polen. Ich bezweifelte nicht, dass das für Polen
von großem Nutzen sein würde, aber die kommunistische
Partei - damals bereits am Ende ihrer Existenz - richtete einen
Brief an ihre Mitglieder, um vor drohendem Verrat zu warnen. Das
war freilich nunmehr eine Propagandamaßnahme ohne Belang.
Zwei Monate später war die Vereinigung Deutschlands
Tatsache.
Nicht ohne Belang ist es, so glaube ich, dass die demokratische
Opposition in Polen die historischen Vorurteile hinter sich zu
lassen verstand und die Notwendigkeit einer tatsächlichen
Versöhnung zwischen Deutschen und Polen erkannte. Dass sie es
verstand, für die Vereinigung Deutschlands einzutreten, obwohl
im Osten wie im Westen Europas Stimmen laut wurden, das läge
nicht im Interesse der Welt. Weite Kreise der polnischen
Öffentlichkeit teilten derartige Befürchtungen. Das
deutsche Parlament und die deutsche Öffentlichkeit sollten,
meine ich, um die Verdienste eines Jan Józef Lipski, eines
Stanislaw Stomma oder Wladyslaw Bartoszewski wissen, die in Polen
unermüdlich eine neue Sicht auf Deutschland forderten. Das
deutsche Parlament und die Deutschen sollten auch die historische
Rolle sehen, die Lech Walesa und der "Solidarnosc"-Bewegung - vom
Streik auf der Danziger Werft im August 1980 bis hin zu den Wahlen
im Juni 1989 - bei der Vorbereitung des Falls der Berliner Mauer
und der Wiedervereinigung Deutschlands zukommt. Erinnernd sei noch
hinzugefügt, dass im Sommer 1989 auch die polnische
Bevölkerung Zehntausenden von DDR-Flüchtlingen, die in
die Freiheit entkamen, bevor die Mauer fiel, Hilfe erteilte. Das
war eine verständliche, eine menschlich-solidarische Haltung
gegenüber jenen, die das gleiche wollten wie wir, und die der
Hilfe bedurften, aber es war auch Ausdruck einer veränderten
Haltung gegenüber den Deutschen. Den Deutschen aus der
Bundesrepublik gegenüber empfanden die Polen Dankbarkeit
für ihren Beistand, das Eintreten der Gewerkschaften und
gesellschaftlichen Verbände für "Solidarnosc ", für
die Unterstützung, die Hunderttausende deutscher Familien
polnischen Familien während des Kriegsrechts angedeihen
ließen. Den Deutschen aus der DDR gegenüber hatten die
Polen das Gefühl, gemeinsam ein schweres Schicksal zu
tragen.
Ich sage dies nicht, um die polnischen Verdienste
herauszustreichen, sondern um einer gewissen wichtigen Lehre
willen. Ich weiß, in der Politik sollte man sich vom Prinzip
des Realismus leiten lassen. Aber: Die Aktivitäten der
polnischen Opposition entsprachen durchaus nicht den Geboten des
politischen Realismus - sie widersprachen denen, die meinten,
einziger Partner für die Ostpolitik sei die Sowjetunion, und
die Ordnung nach Jalta sei, zumindest in absehbarer Zukunft,
unantastbar. Die polnischen Ausbrüche und Aufbrüche
konnten als romantischer Rausch oder gar romantischer Wahn
aufgefasst werden. Es zeigt sich jedoch, dass es mitunter lohnt,
über die Lehren der politischen Realisten hinauszugreifen,
denn der romantische Impuls schießt der Politik zu, was sie
in Momenten des Umbruchs braucht - nämlich Phantasie und
Mut.
Wir dachten an ein vereinigtes, demokratisches und
europäisches Deutschland im Hinblick auf unsere eigene
Staatsräson, auf das polnische nationale Interesse. Heute
können wir mit aller Bestimmtheit feststellen, dass sich in
unseren beiden Staaten ein Umbruch in unseren gegenseitigen
Beziehungen vollzogen hat. Der Händedruck zwischen Tadeusz
Mazowiecki und Helmut Kohl war das sinnbildliche Kürzel
für diesen Wandel. Niemand in Polen, der nüchtern und
realistisch auf diese Beziehungen schaut, wird bestreiten, dass
Polen aus diesem Wandel Nutzen zieht. Aber ich glaube, dies trifft
in nicht geringerem Maße auch auf Deutschland zu: das neue
Kräfteverhältnis in den deutsch-polnischen Beziehungen
ist ein Beispiel für eine "win-win-situation", eine Situation
also, in der beide Seiten Erfolg erzielen.
Das neue Verhältnis wäre jedoch nicht von Dauer, wenn es
auf Vergessen, auf einer verordneten kollektiven Ausklammerung des
Gedächtnisses beruhte. Voraussetzung für dauerhafte
politische Beziehungen ist ja die Wahrheit, und sie verlangt
fortwährende Erinnerung, verlangt Gedächtnisarbeit.
Und eben darum weckt die Entscheidung, im vereinigten Deutschland
einen "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" zu
begehen, Respekt und Bewunderung. Sie bezeugt Mut und den Willen,
die jungen Generationen in der Wahrheit über jene Zeit zu
erziehen, der Wahrheit über das System von Tod und Hass,
über das Zeitalter der Krematorien und Gaskammern.
Über diese Zeit sind Hunderte von Büchern geschrieben
worden, von den Erinnerungen derer, die überlebten, bis hin zu
Dokumentensammlungen und gelehrten Monographien und Abhandlungen.
Zu einigen bin ich in den letzten Tagen zurückgekehrt. Noch
immer kann ich solche Bücher nicht mit intellektuellem Abstand
lesen, nach wie vor befällt mich ein Gefühl des Grauens,
denn - um die Worte der polnischen Schriftstellerin Zofia Nakowska
zu zitieren - "Menschen bereiteten Menschen dieses Los". Und das
stellt mich vor die Frage, vor der ich mein ganzes erwachsenes
Leben lang geflüchtet bin - warum habe ich überlebt? Und
eben darum kann ich diese Zeit nicht als ein abgeschlossenes
Kapitel der Vergangenheit betrachten. Ich vermag es nicht. Ich
vermag noch nicht zurückzudenken.
Czeslaw Milosz schrieb in einem 1945 veröffentlichten
Gedicht:
Als wir das Flammenmeer der Stadt verliessen
Am ersten Feldweg unsre Blicke rückwärts kehrten
Sagte ich: Gras soll über unsern Spuren sprießen
Im Feuer verstummen sollen die zeternden Propheten
Sollen doch Tote Toten sagen, was geschah...
Ich sagte zwar nicht "Gras soll über unsern Spuren
sprießen", aber ich lebte in einer ebensolchen traumatischen
Abwehr gegen das eigene Erinnern.
Das ist keine politische Rede, sondern eine persönliche
Erinnerung. Ich will über die Verbrechen eines
totalitären Systems sprechen am Beispiel einer einzigen Stadt
- meiner Stadt Warszawa/Warschau, am Beispiel eines einzigen Lebens
- meines Lebens.
Die eigene Erinnerung hat jedoch äußere Bezüge:
manchmal sind das Menschen, manchmal materielle Spuren - die
Menschen sind fort, aber die materiellen Spuren gibt es noch. Das
Stadtbild von Warschau hat sie aufbewahrt.
Ich habe beinahe mein ganzes Leben in Warschau zugebracht. Die
Geschichte ist mit meiner Stadt grausam umgesprungen -zuerst die
Bombenangriffe im September 1939, dann, im Mai 1943, nach dem
Aufstand im Ghetto, das systematische Niederbrennen jenes
reduzierten Streifchens Stadt, schließlich das Niederbrennen
fast der ganzen Stadt, 1944, nach dem Warschauer Aufstand. Die
Straßennamen aber sind geblieben. Sie erinnern an die
Geschicke der Stadt und ihrer Bewohner, an Märtyrertum und an
Heldentum, an Erniedrigung und an Kampf.
Von der Altstadt bis zu den Schienensträngen des Danziger
Bahnhofs und zu der Magistrale, die den Stadtteil Wola mit dem
andern Ufer der Weichsel verbindet - auf Schritt und Tritt
Erinnerungen. Hin und wieder führt mein Weg mich dort entlang.
Ich finde keines von den Häusern meiner Kindheit wieder,
keinen der Orte, wo ich gewohnt und wo meine Angehörigen
gewohnt haben. Diese Orte gibt es nicht, es gibt keine Spur, welche
bezeugt, dass diese Menschen existierten - manchmal bleibt uns nur
die trockene Zeugenaussage der Statistik. Und so wissen wir, dass
zwischen dem 23. Juli und dem 21. September 1942 254 000 Juden aus
dem Warschauer Ghetto nur in einem der fünf Todeslager, in
Treblinka, umgekommen sind, dass am 21. September 1942 der letzte
Transport aus dem Warschauer Ghetto an die Gaskammern von Treblinka
geliefert, dass im selben Lager zweitausend Roma ermordet wurden.
In den Registern des Lagers Auschwitz findet sich ein Eintrag
über einen Transport aus Bergen-Belsen, in dem auch Warschauer
Juden waren. Und das ist die einzige Nachricht über den Vater,
die der Sohn besitzt. Auschwitz-Birkenau ist heute für die
Welt ein Sanktuarium des Gedenkens an den Mord, weil man es nicht
geschafft hatte, die Lageranlagen zu vernichten, doch über
dieses Lager dürfen wir Treblinka, Sobibór, Belzec,
Chelmno nicht vergessen, wo man gründlicher dafür Sorge
trug, die Spuren zu verwischen.
Vom Warschauer Ghetto sind weder die 1940 errichteten Mauern noch
die Häuser geblieben. Geblieben sind uns Denkmale. Das erste
unter ihnen, Ecke Stawki- und Dzika-Straße, ist ein Mal des
Gedenkens an den Umschlagplatz, den Vorhof des Todes, von wo man
die Juden zu den Eisenbahnrampen brachte, um sie in die Lager zu
deportieren. Hingebracht wurden die, die noch am Leben waren. Denn
das Ghetto selbst war ja eine Fabrik des Todes, das Einsammeln der
Hungertoten in den Straßen ein alltäglicher Anblick. Das
von der Heimatarmee herausgegebene "Informationsbulletin" meldet am
30. April 1942, von den schrecklich eingeengt lebenden 578 Personen
in der Mila-Straße 51 seien 260 an Hunger und Krankheiten
gestorben, in der Pawia-Straße 63, wo 794 Personen wohnten,
starben 450. Das Gespenst des Hungers trieb Menschen sogar dazu,
sich freiwillig auf den Umschlagplatz zu melden, weil sie hofften,
sie bekämen ein Stück Brot. Oder umgekehrt - auf dem
Umschlagplatz gaben Ärzte ihre eigene Portion Zyankali an
Kinder ab. "Denn Zyankali ist jetzt das Kostbarste, ein
unbezahlbarer Schatz. Zyankali, das ist ein stiller Tod, es rettet
vor den Waggons", schrieb Marek Edelman. Mitunter rettete auch die
Arbeitsbescheinigung der Schultz'schen Werkstätten einen
10-jährigen Zwangsarbeiter vor dem Umschlagplatz. Für die
anderen, für fast alle, war der Umschlagplatz und das
Warschauer Ghetto überhaupt ein Ort verlorener Hoffnung.
Und noch viel mehr Erinnerungen stellen sich beim Durchwandern
dieser Straßen ein. An Janusz Korczak, den trefflichen
Pädagogen und Schriftsteller, der am 5. August 1942 die
Zöglinge des Waisenhauses auf den Umschlagplatz begleitete.
Das Leben ist ein seltsamer Traum, pflegte er zu sagen. Die
Angebote zu seiner Rettung schlug er aus, er wollte bis zum letzten
Augenblick bei seinen Kindern bleiben. Noch ein Jahr zuvor hatte er
bei einer Zusammenkunft mit kleinen Zeitungsredakteuren gesagt, wer
Schriftsteller werden wolle, müsse die Menschen kennen und
lieben.
Und weiter kommen wir zum Denkmal von Szmul Zygielbojm, eines der
führenden Männer der jüdischen sozialistischen
Partei, des "Bundes", der als Mitglied des polnischen
Emigrationsparlaments vergeblich versucht hatte, die
Öffentlichkeit des Westens über die Tragödie der
polnischen Juden aufzuklären und sich am 13. Mai 1943 in
London das Leben nahm. In seinem letzten Brief schrieb er: "Mit
meinem Tod will ich aufs heftigste gegen die Passivität
Protest einlegen, mit der die Welt bei der Vernichtung des
jüdischen Volkes zusieht und sie zulässt."
Daneben könnte das Denkmal von Jan Kozielewski stehen, der den
Decknamen Jan Karski trug. Im September 1942 wurde er von der
polnischen Untergrundbewegung mit Dokumenten und Nachrichten
über das Schicksal der polnischen Juden in den Westen
entsandt. Vor seiner Abreise nach London schleuste man ihn ins
Warschauer Ghetto ein, damit er sich mit eigenen Augen
überzeuge. Seinen Augenzeugenbericht gab er zuerst in London,
vor Churchill, ab, dann in den USA, wo Roosevelt ihn empfing. Er
rüttelte die amerikanische Öffentlichkeit mit seinen
Interviews, Berichten, seinem Buch auf, aber er überzeugte sie
nicht. Einer seiner Gesprächspartner, Felix Frankfurter,
Richter des Obersten Gerichts, Sohn jüdischer Emigranten aus
Österreich, erwiderte ihm damals, er vertraue ihm, doch er sei
außerstande zu glauben, dass das, was er da sage, wahr sei.
Die kürzlich erschienene Biographie des polnischen Patrioten
Jan Karski trägt den Titel "How one man tried to stop the
Holocaust". Ein Mann hatte versucht, den Holocaust anzuhalten.
Erhört wurde er allerdings nicht.
Wenn wir einen nach wie vor unbebauten Platz, einst das
Gelände des Restghettos, überqueren, stoßen wir auf
eine neue Grünanlage, die wir vor gar nicht langer Zeit nach
Willy Brandt benannt haben - zum Andenken an den großen
Deutschen und seine historische Geste von 1970: Wir erinnern uns an
Willy Brandt, der vor dem Denkmal des Warschauer Ghettoaufstands
niederkniet.
Mit dem Aufstand endet die Geschichte des Warschauer Ghettos. Nach
der großen Vernichtungsaktion lebten Ende 1942 dort nur noch
30 000 bis 60 000 Juden. Sie nahmen einen ungleichen Kampf auf.
"Die, die gefallen sind, erfüllten ihre Aufgabe bis zum
Schluß, bis zum letzten Bluttropfen, der einsickerte ins
Pflaster des Warschauer Ghettos. Wir, die wir entronnen sind,
hinterlassen euch dies, damit das Andenken an sie nicht erlischt".
Das schrieb 1945 Marek Edelman, einer der fünf Führer des
Aufstands, der heute hier im Saal sitzt.
Marek Edelman ist ein Held, der Heldentum nicht mag und der jedes
Pathos ablehnt. Er verlangt nur, aller Menschen zu gedenken. Nicht
allein an den heroischen Korczak sollen wir uns erinnern, sondern
auch an eine gewisse Pola Lifszyc, die, vom Umschlagplatz gerettet,
am nächsten Tag selbst dorthin zurücklief, um die Mutter
nicht im Stich zu lassen. Vor allem aber fordert er, der Menschen
zu gedenken, die sich zum Kampf entschlossen, obwohl es ein
aussichtsloser Kampf war. Sie wollten ihr Schicksal selbst
bestimmen. Edelman beschreibt das so: "Das Bewusstsein, dass der
Tod unausweichlich war, das nach der Aktion [der Vernichtung des
Ghettos] um sich griff, erleichterte uns die Entscheidung, den
Kampf aufzunehmen. Ich war nicht aufgeregt - vermutlich deshalb,
weil eigentlich nichts passieren konnte. Nichts Größeres
als der Tod, es ging ja immer nur um ihn, niemals ums Leben." Mit
einem Häuflein Überlebender aus der Jüdischen
Kampforganisation schlug sich Edelman durch die Kanäle auf die
andere Seite durch und nahm 1944 am Aufstand teil.
Zwei Straßen nur liegen zwischen diesem Denkmal und jenem,
das an den Warschauer Aufstand gemahnt, der gut ein Jahr danach, am
1. August 1944, ausbrach. Beim Ghettoaufstand waren es ein paar
Hundert Kämpfer und wenige Waffen gewesen, am Aufstand im
August waren die Organisationen des militärischen Untergrunds
beteiligt, die über ein beachtliches Waffenarsenal
verfügten. Wichtiger noch: Dies war keine Bewegung der
Verzweiflung, sondern eine organisierte militärische
Operation. Ganz sicher treffen Edelmans Worte auf den
Augustaufstand nicht zu - hier ging es nicht um den Tod. Es ging um
die Freiheit. Vielleicht passt der Augustaufstand gerade deshalb
nur schwer in den Kanon europäischen Gedenkens, weil er als
eine der militärischen Operationen des letzten Krieges
gilt.
Dabei starben im Warschauer Aufstand 58 000 Soldaten und 160 000 -
200 000 Zivilpersonen. Gegen jene bewaffneten Jungen und
Mädchen traten deutsche Eliteeinheiten an.
Nach dem Aufstand verwüsteten die deutschen Truppen
systematisch die ganze Stadt, mit Ausnahme des rechten
Weichselufers, wo die sowjetische Armee auf Stalins Befehl abwarten
sollte, bis der Aufstand erstickt war.
Auf Befehl Hitlers steckten die deutschen Truppen systematisch Haus
für Haus in Brand. Warschau sollte aufhören zu bestehen.
Im Aufstand fielen Tausende der Besten - später hieß es:
mit Juwelen haben wir den Feind beschossen. Warschau verwandelte
sich in ein Trümmerfeld, zerstört waren seine
historischen Bauten, zerstört oder geraubt seine
Kunstschätze, in Rauch aufgegangen Hunderttausende von
Büchern und Handschriften. Fast jede Warschauer Straße
trägt noch Spuren des Kampfes und der Zerstörung.
Ich erwähne dieses Unheil und diese Verbrechen, die das
nationalsozialistische System belasten, ohne in die Rolle des
Buchhalters zu steigen, der die Schadensbilanz aufnimmt, oder des
Richters, der Urteile fällt. Es ist dies vielmehr ein
unvollkommener, durch das Erfahrungsprisma einer einzigen Stadt und
eines einzigen Lebens geworfener Blick auf ein Phänomen des
Bösen von ungeheurem Ausmaß. Es ist dies auch eine
Überlegung zum kollektiven Gedächtnis und seinem
Entstehen.
Zunächst also - das Böse und zwar das absolute Böse,
das alle moralischen Grundbegriffe der menschlichen Zivilisation,
zu denen die Gebote vom Berge Sinai ebenso gehören wie Kants
moralischer Imperativ, zu verneinen scheint. Es beginnt beim Hass,
der sich gegen ein Volk, eine Klasse, eine Gruppe richten kann.
1943 sagte Himmler seinen Generälen, die Ausrottung der Juden
sei ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Nationalsozialismus, sie
sei eine moralische Pflicht gewesen und ein Akt der
Selbstverteidigung des deutschen Volkes. Lässt sich für
solche Worte auch nur irgendeine Berechtigung, auch nur irgendeine
Rechtfertigung finden? Die zeitgenössische Geschichte hat das
Kapitel des Hasses nicht abgeschlossen: die Verbrechen Pol Pots in
Kambodscha, der Hass von Milosevic, der Völkermord in Bosnien,
im Kosovo oder in Ruanda, der Hass Bin Ladens gegen den Westen und
die Verbrechen des 11. September in den USA bezeugen, wie
groß und wie akut die Gefahr noch immer ist. Das erfordert
gemeinschaftliches internationales Handeln, erfordert
Solidarität. Die Lehre aus den Geschehnissen, über die
wir heute sprechen, lautet ja: notwendig ist das
Solidaritätsgefühl, aber auch die Bereitschaft zum Kampf.
Die Welt hätte nicht hilflos und machtlos dastehen
dürfen, als man in Deutschland Bücher verbrannte oder in
Afghanistan Kulturdenkmäler zerstörte. Als nächstes
sind immer die Menschen dran. Die Verletzung der Würde des
Menschen, die Verletzung der Grundregeln unserer Zivilisation, die
Verletzung der Menschenrechte macht allen Schande, die von ihr
wissen und ihr nicht entgegentreten.
Karl Jaspers schrieb 1946 in seinem Buch "Die Schuldfrage", die
Ehrlichkeit vor sich selbst und das Gefühl für die
Würde des Menschen verlange von den Deutschen, sich die Frage
nach der eigenen Schuld zu stellen. Die Furcht vor der
Verantwortung flackerte noch während des Krieges auf. Joel
Heydecker, Wehrmachtssoldat und Fotograf des Warschauer Ghettos,
erwähnt, er habe bei seinem letzten Aufenthalt in Warschau, im
November 1944, seinen Kameraden angesichts der niedergebrannten
Stadt entsetzt sagen hören: "Mensch, wenn das jetzt alles auf
uns zurückommt". Es gab auch Ungehorsame, mit anderen
Solidarische, wie den Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld, der dem
polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman half, als er sich nach
seiner Flucht in den Ruinen von Warschau versteckt hielt. Nie
werden wir genug Worte des Ruhmes und des Dankes finden für
jene Ungehorsamen, Mutigen und Solidarischen, wie wenig es auch
gewesen sein mögen.
Die Hilflosigkeit, ja Gleichgültigkeit der ganzen Welt der
Shoah gegenüber bringt uns auch auf die schmerzliche Frage
nach der schmalen Grenze zwischen der Gleichgültigkeit gegen
das Böse und der aktiven Beteiligung daran. Jedes
totalitäre System schlägt daraus Nutzen. Die
faschistischen Pläne bezogen ja auch Anstiftung zum Mord mit
ein, das Schaffen von Umständen, dass der Mord von anderen -
ukrainischen, litauischen oder polnischen - Händen
ausgeführt wurde, und nicht von deutschen. Das System des
Hasses appellierte an alle unterschwelligen Strömungen und
Mechanismen des kollektiven Hasses, um das Böse zu verbreiten.
Die Einzigartigkeit der Shoah beruht ja auf der Propagierung des
Bösen, auf der technokratischen Struktur eines
Ausrottungsplans für eine ethnische, rassische oder
religiöse Gruppe und darin, dass sie das Produkt einer
modernen Gesellschaft und einer hochentwickelten Zivilisation war.
Niemand kann jedoch behaupten, dies sei eine unwiederholbare
Erscheinung. Religion wie Politik sind imstande, sich der Erzeugung
von Hass, Feindschaft und Fanatismus zu bedienen. Entgegentreten
kann dem ein kollektiver Wille und die Erinnerung an das, was
geschehen ist und wieder geschehen kann, wo immer auf Erden.
Was gebraucht wird, ist also ein kollektives Gedächtnis, das
geprägt ist vom Wissen um die Vergangenheit, von der
kritischen Analyse dessen, was war, und von bewusster Entscheidung.
Denn das kollektive Gedächtnis ist es, das dem Heute die
Vergangenheit zurückgibt, das kollektive Gedächtnis ist
es, das ihm Sinn verleiht.
Das Europa von heute braucht ein kollektives Gedächtnis wie
der menschliche Organismus die Luft zum Atmen braucht. Dieses
Gedächtnis muß auf der Wahrheit gründen. Als die
UNESCO, der Schlüsselrolle der Geschichte eingedenk, nach dem
letzten Krieg beschloss, die große Geschichte der Welt unter
ihre Fittiche zu nehmen, meinte ein französischer Historiker,
die müsse nun den Beweis erbringen, daß Napoleon III.
nicht Recht hatte, als er sagte, alle Geschichte sei die Geschichte
von Kriegen. Wenn wir postulierten, die Geschichte der Welt solle
eine Geschichte des Friedens sein, begäben wir uns freilich
auf den Weg der Halbwahrheit. Auch die Geschichte Europas hat man
geschrieben, und man vertraute jedes Kapitel einem Historiker aus
einem Mitgliedsland der Europäischen Gemeinschaft an, und man
trug Sorge, daß es in dieser Geschichte keine Siege gab -
denn der Sieg des einen europäischen Landes oder Volkes
hätte stets die Niederlage eines anderen bedeutet. Solch eine
Geschichte, verfasst ad usum delphini, elegant, gezähmt,
didaktisch, dient der Zukunft nicht. Die heutigen und die
künftigen Bürger der Europäischen Union brauchen
eine Geschichte, die in der Wahrheit geschrieben ist, eine
Geschichte, in der Platz ist für Blut, Schweiß und Not
im Verein mit Mut, Erfindungsreichtum und menschlicher
Solidarität. Die Europäische Union gehört zu den
wenigen Erfolgen des 20. Jahrhunderts, dieses traurigen
Jahrhunderts mit der Kleinheit seiner großen Kriege und
großen totalitären Systeme. Damit die wirtschaftlichen
und politischen Erfolge der Europäischen Union von Dauer sind
und den globalen Herausforderungen unserer Zeit gemäß,
brauchen wir die geistige Einheit Europas, brauchen wir ein
europäisches Identitätsgefühl. Dazu bedarf es der
Erinnerung an das, was groß war, und an das, was
nichtswürdig war in der europäischen Geschichte. Darum
ist der deutsche "Tag des Gedenkens an die Opfer des
Nationalsozialismus" so wichtig. An diesem Tag ist Deutschland bei
Europa und Europa bei Deutschland. Solch ein Gedenken ist Hoffnung
für die Welt."
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