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Von Bonn nach Berlin

Bild: Bendikt Maderspacher in der Parlamentsbuchhandlung.
Bendikt Maderspacher in der Parlamentsbuchhandlung.

Interview: Benedikt Maderspacher

Benedikt Maderspacher ist seit 1987 Inhaber der Parlamentsbuchhandlung, mit der er 1999 seinen Kunden nach Berlin folgte. Was hat sich denn gegenüber Bonn geändert?

Blickpunkt Bundestag: Herr Maderspacher, Sie kennen den Bundestag seit 1973, jobbten bereits als Schüler in der Parlamentsbuchhandlung. Ist nach dem Wechsel nach Berlin die friedfertige, bescheidene „Bonner Republik“ durch eine nationalere, zentralistischere „Berliner Republik“ abgelöst worden, wie vielfach befürchtet wurde?

Benedikt Maderspacher: Viele hatten solche Befürchtungen. Ich habe damals auch geglaubt, die werden in Berlin jetzt so großkotzig. Ich habe immer argumentiert, dass man in Bonn die Stufen zum Plenarsaal runtergehen musste, und man am Reichstag die Stufen hochschreiten muss. Doch die Befürchtungen haben sich Gott sei Dank überhaupt nicht bewahrheitet.

Blickpunkt: Befürworter des Umzugs hofften damals, der neue Parlamentsstandort werde das Verständnis für die Probleme des Ostens verstärken. Spüren sie eine solche Entwicklung?

Maderspacher: Bei mir persönlich ja. Man sieht doch vieles anders als man es von Bonn aus gesehen hat. Aber das hat wie alles zwei Seiten. Man ist auch weiter weg von Paris, London, den Beneluxländern. Dafür sind wir jetzt näher dran an Polen, an den Baltenstaaten. Und auch an den sozialen Problemen. Von meiner Wohnung hier ganz in der Nähe aus kann ich beobachten, wie jeden Abend drei Menschen hintereinander die Abfallbehälter durchsuchen.

Blickpunkt: Sie kennen den Bundestag seit über 30 Jahren. Was ist denn in Berlin anders als in Bonn?

Maderspacher: Da hat sich unheimlich viel geändert. Es ist alles viel unpersönlicher geworden. In Bonn wusste ich sofort, wer mein Ansprechpartner ist. Oder wenn ich einen Handwerker brauchte, dann sagte ich: Jupp, kannst du mal gerade kommen? Der Ton ist jetzt wesentlich rauer geworden, leider. Das ist halt preußisch.

Blickpunkt: Wie ist das mit dem Kontakt zu den Politikern?

Maderspacher: Vieles ist schon wegen des größeren Sicherheitsbedürfnisses hier ganz anders. In Bonn ist morgens der Joschka Fischer bei uns vorbeigejoggt und hat seine Zeitung gekauft. Oder Richard von Weizsäcker, als Bundespräsident, der kam ohne jeden Bodyguard zu Fuß vorbei. Das wäre hier undenkbar. Und die Bonner Gemütlichkeit ist halt verschwunden. Früher ging man am Abend zu Ossi (dem Wirt der Keller-Cafeteria) ins Wasserwerk. Da gab es den Abgeordneten Manfred Richter, der hatte manchmal seine Gitarre dabei. Und dann haben wir gemeinsam Lieder fürs Abgeordnetenkabarett „Die Wasserwerker“ gedichtet.

Blickpunkt: Unterm Strich – trauern Sie persönlich Bonn ein bisschen nach?

Maderspacher: Nein, das nicht. Ich fühle mich wohl hier, absolut.

Interview: Klaus Lantermann
Foto: studio kohlmeier
Erschienen am 6. Juni 2006


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