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Das Parlament
Nr. 41-42 / 04.10.2004


 
Bundeszentrale für politische Bildung
 

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Khalid Al-Maaly

Kein funktionierender Buchmarkt

Von der Schwierigkeit, in Arabien Autor, Verleger und Leser zu sein
Dem heute lebenden Individuum mag es scheinen, dass Denken nicht gutgeheißen wird und Nachdenken im arabischen Kulturleben nichts gilt. Wenn es denn geschähe, dass ein Teil von ihm denkt, so würde es schnell all seine Vorsicht wecken, um diesen Teil weit von sich zu stoßen! Diese Nation nennt sich selbst die Nation des Buches, repräsentiert aber zur selben Zeit alle Charakteristika des Gegenteils und gehört tatsächlich zu den Erzfeinden des Buches!

Jedes Reden vom verflossenen Ruhm, dem freien Denken und der Erneuerung dessen, was einst war, ist bloß Einbildung und Tagträumerei, mit denen der arme Araber seine Zeit verbringt, um etwas von der schmählichen Realität zu vergessen. Der Mensch braucht sich nicht zu bemühen, denn die Beweise für diesen Niedergang und die Verschlechterung sind zahlreich! Wie treffend scheint die Aussage von Charles Baudelaire zu sein, als er in seinen Tagebuchaufzeichnungen schrieb: "Große Männer entstehen nur wider den Willen der Nationen, - wie der Familie. Beide tun ihr möglichstes, dass sie nicht entstehen. Infolgedessen bedarf der große Mann zu seiner Existenz einer Angriffskraft, die der von Millionen Einzelner entwickelte Widerstandskraft überlegen ist."

Wir wollen nicht nur die Augen öffnen. Wir wollen nur lebendig sein und einander wahrnehmen können. Der Schriftsteller hat heute keine Bedeutung im öffentlichen Leben, ganz zu schweigen von seiner Rolle im angeblichen kulturellen, arabischen Leben. Er hat fast keine Farbe, keinen Geschmack und keinen Geruch! Wenn es geschähe und er darüber nachdächte und schriebe, so würde sein Buch im Verkauf 5.000 Exemplare nicht überschreiten, und das in der arabischen Welt, die 300 Millionen Einwohner zählt.

Verlorenes Vertrauen

Der arabische Leser bleibt ein Mensch, der Veränderungen seiner Umwelt ausgesetzt ist. Oft hat er sein Vertrauen in die Autoren verloren, während der Autor sein Vertrauen in den Verleger verloren hat. Wenn somit der Autor nicht die Erwartungen des Lesers zum Ausdruck bringt, dann ruht das Denken in der Ecke des Hauses und bleibt eine Fata Morgana, berühmt zu werden und den Lebensunterhalt zu verdienen (in all seinen Arten). Die Tradition des Denkens und des wirklichen Schreibens ist aus dem kulturellen, arabischen Leben verschwunden.

Lesen die Araber? Und was lesen sie? Ein guter Verleger kann den Verkauf von 1.000 bis 3.000, eher selten 5.000 Exemplaren eines Buches vom Besten in der Welt der Literatur, der Philosophie, der Soziologie nicht garantieren. Und dies während einer Zeitspanne, die sich im günstigsten Fall auf zwei bis drei Jahre beläuft! Das ist ganz unabhängig vom Niveau, vom Bekanntheitsgrad oder von der Art und Weise, in der das Buch geschrieben wurde.

Der Verleger von Nagib Mahfus druckte 5.000 Exemplare von dessen Buch "Echos meines Lebens". Diese Auflage war nach drei Jahren noch nicht abgesetzt! Ein einfacher Vergleich zwischen dieser Auflage und der Auflage der Memoiren von Gabriel Garcia Marquez, die in mehreren Ländern gleichzeitig herausgegeben wurden, mit den ersten Auflagen, die über eine Million Exemplare hinausgingen und Tantiemen von mehr als zehn Millionen Dollar abwarfen, sei erwähnt (wenn die Gerüchte in den Zeitungen uns die Wahrheit sagen), um den großen Unterschied zwischen diesen beiden Kulturen zu erkennen.

Der arabische Schriftsteller ist das Ergebnis einer Gesellschaft, in der keine Zivilgesellschaft, keine individuelle Freiheit existiert und demzufolge es kein Verantwortungsbewusstsein bei allen anderen Gruppen der Gesellschaft gibt und somit die einfachsten Dinge vermissen lässt. Deshalb ist das Ergebnis ein arabischer Schriftsteller, dessen Produkt zumeist eine Deklamation ist und keine Erfahrung widerspiegelt - voller Wiederholungen und Phantasiebilder, dagegen kein Produkt, das Fragen stellt und nachdenkt. Er ist kurz gesagt, ein Gefangener der Beredsamkeit, die letztendlich die Quintessenz seiner armen Erfahrung repräsentiert. Hinzu kommt natürlich die Kontrolle durch die Zensur.

Trotz ständiger Buchmessen in allen arabischen Ländern ist die Nachfrage nach Büchern sehr gering. Es gibt wenige öffentliche Bibliotheken, und diese sind sehr dürftig ausgestattet. Das gleiche gilt für die Universitätsbibliotheken. Hinzu kommt die allmähliche völlige Veränderung, die in den vergangenen Jahren die Buchhandlungen erfasste, die sich zu einem Ort zum Verkauf von Schreibwaren und für Geschenkartikel wandelten.

Ein einfacher Vergleich mit Auflagenhöhen im Iran oder in der Türkei, die beide benachbarte und muslimische Länder sind und daher gemeinsame Charakteristika mit den arabischen Ländern haben sollten, macht die riesige Kluft zwischen der Situation des Buches und der Schriftsteller dort und hier deutlich. Die arabischen Schriftsteller haben fast keine Bedeutung, und wenn, nur durch die Herrschaftssysteme, oder sie sind an den Rand gedrängt. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass ihr kulturelles Produkt schwach ist. Sie berühren in ihren Texten wegen der eigenen, inneren Zensur und der religiösen und nationalistischen Tabus selten die Realität, weil sich ihr Hauptinteresse auf die Anpassung an die herrschenden Zustände richtet. Deshalb trifft die Aussage durchaus zu, der arabische Schriftsteller sei ein kastrierter Schriftsteller. Die wenigen Ausnahmen können nichts bewirken.

Meist werden hier oder dort Namen wiederholt in der Erwägung, sie hätten etwas zu sagen. Doch dem ist nicht so. Jeder Schriftsteller, Verleger oder Journalist hat einen eigenen, inneren Zensor, der subtil arbeitet. Und über jedem Zensor gibt es einen anderen Zensor. Die Mehrzahl der publizierten Bücher ist im allgemeinen Bücher von schlechter Qualität. Die wirklich guten und durchdachten Bücher können fast gar nicht in den arabischen Ländern veröffentlicht werden. Auch behandeln die Zeitungen und Kulturprogramme sie nicht, und sie werden nicht erwähnt. Sie sind aus dem arabischen kulturellen Leben verstoßen.

Allerdings kommt es vor, dass die Behörden eines Landes dieses Buch verbieten, dagegen die Behörden eines anderen Landes es erlauben, manchmal diesem zum Trotz und manchmal aus Unkenntnis! Aber dann kommt das Problem des Absatzes und des Vertriebs. Es gibt keinen funktionierenden arabischen Buchmarkt. Es gibt keine Absatzvereinbarungen zwischen den arabischen Ländern. Dazu kommt die Existenz lokaler Zensuren, die dazu beitragen, die Verbreitung der Bücher zu erschweren.

In einer Welt wie dieser steht der arme Autor und hofft, dass er entdeckt und gesehen wird, dass über ihn und sein Werk geschrieben wird. Er strengt sich gewaltig an, damit sein Buch veröffentlicht wird. Er braucht eine Kostendeckung für die Publikation seines Buches. Die meisten arabischen Verleger heutzutage publizieren nicht ohne Zuschuss zu den Druckkosten. Das heißt, sie sind nur Vertreter der Druckereien.

Heute sind der Libanon an erster Stelle, gefolgt von Ägypten die wichtigsten Verlagsorte. Auch in Syrien nahm in letzter Zeit die Bedeutung der privaten Verlagshäuser zu. Jordanische Verlagshäuser interessierten sich besonders für Lehrbücher. Dazu gibt es Staaten, die staatliche Verlage unterhalten, wie Kuwait oder wie der Irak, der es monopolisierte, und wo private Verlage bis zum 9. April 2003 völlig verschwunden waren.

Verbote und Zensur

Zu den Arten der erwähnten Zensur tritt die Volkszensur, die durch einen Besucher der Buchmesse hervorgerufen werden kann oder durch einen Beschäftigten in einer Druckerei, so wie es in Ägypten geschah. Die Zensur hat verschiedene Gesichter, etwa in Saudi-Arabien. Die Zensur betrifft die Bücher, die Gott (Bücher des Sufismus im Besonderen) und andere, die den König (und die sich um das Leben der königlichen Familie drehen) behandeln. Die bedeutendsten Werke saudi-arabischer Autoren sind verboten, von den Werken des bekannten, rebellischen Autoren Abdullah al-Qasimi bis hin zu den Erzählungen von jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Es gibt eine rigorose, orthodoxe islamische Zensur in Ägypten. Sie ist neben der Zensur in Kuwait die rigoroseste in den arabischen Ländern. Dazu kommt, dass der arabische Verleger selbst eine strenge Zensur ausübt. Er kürzt und verändert Formulierungen, die Anstoß erregen könnten, um keine Probleme mit den Behörden in ihren verschiedenen Arten zu bekommen, ohne dass er es wirklich schafft, von ihr frei sein zu können. Auf jeder arabischen Buchmesse gibt es Dutzende von verbotenen Büchern.

Einige Messeleitungen begnügten sich nicht mit dem Verbot, sie vernichteten die beschlagnahmten Bücher und fügten den Verlegern riesige Verluste zu. Das geschieht jedes Jahr in Ägypten. Der arabische Verlegerverband schweigt dazu. Er arbeitet wie alle anderen arabischen Verbände in völliger Übereinstimmung mit der machthabenden Behörde.

Aus dem Arabischen von Claudia Knieps.

Khalid Al-Maaly ist Journalist und Verleger arabischer Literatur; er lebt in Köln.

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