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Informationen über dieses Dokument: Seitentitel: Bitte auf die Goldwaage legen
Gültig ab: 18.03.2010 14:03
Autor: Kathrin Gerlof
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Bitte auf die Goldwaage legen

Sprachendienst im Bundestag

Der Sprachendienst des Deutschen Bundestages ist ein unersetzlicher Dienstleister für die Abgeordneten.

Daniel Smith, Kate Adams und Emma Hardie
Daniel Smith, Emma Hardie und Kate Adams
© DBT/studio kohlmeier

Ich mag Speisekarten”, sagt Kate Adams und lacht. Emma Hardie schüttelt den Kopf. „Oh nein, bitte nicht.” Daniel Smith nickt. „Mir sind Reden lieber.” Wo ist man da hingeraten?

An der Wand hängt ein Bild, auf dem tanzt ein fröhlich dickes Paar des kolumbianischen Malers Botero einen Tango. Ansonsten sieht das Büro aus wie viele seinesgleichen: sachlich, praktisch, ein bisschen kühl. Hardie, Adams und Smith arbeiten beim Sprachendienst des Deutschen Bundestages, Muttersprache Englisch, Herkunftsland Großbritannien. Beim Sprachendienst sind 16 Menschen beschäftigt, dazu kommen freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bei Bedarf eingesetzt werden können. Bedarf ist genug da. Rund 2.000 Übersetzungs- und 600 Dolmetschaufträge müssen jährlich bestens erledigt werden. Manchmal ist es „nur” eine Speisekarte, die übersetzt werden muss, oft sind es so viele Seiten, wie ein gutes Buch hat.

Emma, Kate und Daniel sind hier wegen eines Qualitätsgebotes: Über- setzt wird immer nur in die eigene Muttersprache. Um nachzuweisen, dass man dies gut kann, werden Bewerberinnen und Bewerber für die Arbeit im Sprachendienst auf Herz und Nieren geprüft. Hier geht es um Politik und Diplomatie. In beiden Bereichen sollte alles auf die Goldwaage gelegt werden, bevor es an die Öffentlichkeit gebracht wird - nicht nur, um Missverständnissen vorzubeugen. Wer übersetzt, trägt Verantwortung. Die ist bei einer Speisekarte möglicherweise etwas kleiner als bei einer Rede, aber klein ist sie nie.

Wie kommt man aus dem Vereinigten Königreich nach Berlin zum Sprachendienst des Deutschen Bundestages? Emma Hardie ist in Schottland aufgewachsen, in Edinburgh, wo sie Sprachen studiert hat - Deutsch und Französisch. Mit 22 war sie fertig mit dem Studium, da stand für sie schon fest, dass sie ins Ausland gehen will. Brüssel und Graz hatte sie bereits während des Studiums kennengelernt, als sie vor sieben Jahren die Stellenausschreibung des Bundestages las. Seitdem lebt die heute 29-Jährige hier in Berlin-Mitte, fühlt sich wohl und hat ihre Entscheidung keinen Tag bereut. Kate Adams hat in Salford ebenfalls Deutsch und Französisch studiert, Praktika in Köln und Paris gemacht und in den Ferien in Frankfurt/Main gejobbt. Nach dem Studium arbeitete sie bei der Britischen Botschaft in Bonn, mit der sie 1999 nach Berlin umzog. Ein Jahr später begann die heute 36-Jährige beim Sprachendienst des Bundestages. Sie übersetzt und dolmetscht und findet die Arbeit interessant und abwechslungsreich. Daniel Smith ist 45 Jahre und hat schon in verschiedenen Einrichtungen, Unternehmen und Institutionen als Übersetzer gearbeitet. Dazu gehörten zum Beispiel das Auswärtige Amt, das Bundesministerium der Justiz und die BBC. Er kommt aus London und hat in Birmingham Germanistik und Politologie studiert. 1987 kam er Berlin, ließ sich in Kreuzberg nieder und fing in der damals noch geteilten Stadt als freiberuflicher Übersetzer an. Geblieben ist er, weil ihm Stadt und Arbeit gefielen und der Liebe wegen. Im Januar dieses Jahres fing er im Sprachendienst an.

„Hufbeschlagsverodnung”

Der Spaß an der Arbeit nähre sich, da sind die drei sich einig, aus der Vielseitigkeit dessen, was auf die Tische kommt. „Heute übersetze ich einen Text zum Thema Windkraftanlagen, morgen zum Thema Frauenpolitik und übermorgen vielleicht den Lebenslauf oder die Rede eines Abgeordneten”, sagt Emma Hardie. Es sei schon erstaunlich, womit man sich im Laufe eines Jahres thematisch alles befasse. Ein wichtiges Hilfsmittel für diese Arbeit ist die Terminologiedatenbank, an der man seit 1988 arbeitet und die man mit Einträgen zu parlamentarischen und politischen Begriffen in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch füllt. Seit zwei Jahren wird sie über das Internet auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Ob da schon die englische Übersetzung für das gerade erst verabschiedete Gesetz zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums stünde, fragt man nach. Daniel Smith steht auf und druckt nach ein paar Mausklicks den Übersetzungsvorschlag aus, der aus dem Finanzministerium kommt: Act to Accelerate Economic Growth und ein bisschen schöner Growth Acceleration Act. Man nimmt sich vor, noch einmal nachzufragen, ob es einen Übersetzungsvorschlag aus dem Landwirtschaftsministerium für das Wort „Hufbeschlagsverordnung” gibt, und beschließt, es später selbst herauszufinden.

Emma Hardie
Emma Hardie
© DBT/studio kohlmeier
Daniel Smith
Daniel Smith
© DBT/studio kohlmeier
Kate Adams
Kate Adams
© DBT/studio kohlmeier

Einen großen Teil der Übersetzungsaufträge machen die Publikationen der Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages aus. Besucherinnen und Besucher finden wichtige Broschüren, Prospekte und Informationsmaterialien in verschiedenen Sprachen vor. Oft werden solche Übersetzungsarbeiten in der Sommerpause gemacht, wenn keine Sitzungswochen und die aktuellen, schnell zu erledigenden Dinge etwas weniger sind.

Sprache ist dynamisch, sie entwickelt sich ständig weiter, und deshalb kann man nicht aufhören zu lernen. Das bestätigen alle drei. Zeitung lesen, sich auf dem Laufenden halten sei unabdingbar, sagt Kate Adams. Und ebenso, sich stets die Zielgruppe zu vergegenwärtigen, für die man übersetze. Ist das eine Broschüre, die sich eher an Jugendliche wendet oder an ein Fachpublikum? Doch egal, für wen ein Text gedacht ist, es gilt, akribisch zu arbeiten und fehlerfreie Ergebnisse zu liefern. Alle übersetzten Texte werden am Ende von einem deutschen Kollegen oder einer deutschen Kollegin überprüft.

Viele alte Hasen

„Wir haben beispielsweise in den vergangenen Wochen viele Texte zum Thema Holocaust übersetzt. Da darf und sollte es keine Ungenauigkeiten geben, das ist ein sensibles Thema, und dem muss man Rechnung tragen”, erklärt Kate Adams. Eine unschätzbare Hilfe ist das Internet, und ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit besteht aus Recherchen mit diesem Medium. Oft ist es sehr hilfreich, im ersten Schritt zu schauen, wie viele Einträge es zu einem Begriff in den Suchmaschinen gibt. Da ist es natürlich wichtig, darauf zu achten, welcher Quellen man sich bedient, und alles noch einmal gegenzuprüfen. Emma Hardie bestätigt: „Wir müssen in der Lage sein, die Qualität der Quellen zu bewerten und zu entscheiden, welche wir benutzen.”

Doch entscheidend für den Erfolg - eine gute Übersetzung also, die dem Stil und Sprachduktus des deutschen Ausgangstextes gerecht wird - sind am Ende sensibles Sprachgefühl und die Sprachkenntnis der Übersetzerinnen und Übersetzer. Gerade bei Begriffen mit verschiedenen Bedeutungsinhalten oder bei Redewendungen und sehr bildhafter Sprache ist dieses Gefühl ausschlaggebend. Es genügt nicht, wörtlich zu übertragen, wenn jemand in einer Rede sagt: „Unter uns sitzen ja viele alte Hasen.” Man muss wissen, ob es für diese Redewendung eine englische Entsprechung, eine Redewendung gibt. „Ist 'old hands' adäquat”, überlegt Kate Adams laut, „oder geht da etwas verloren?”

Einen guten Teil der alltäglichen Arbeit machen Anfragen und Bitten aus den Abgeordnetenbüros aus. Dort weiß man die Dienstleistungen des Sprachendienstes zu schätzen. Ebenso wie in den Ausschüssen, Enquete-Kommissionen oder im Bundestagspräsidium. Reden, parlamentarische Anträge, Zeitungsbeiträge, Korrespondenzen - oft ist eine Übersetzung ins Englische notwendig. Und manchmal eben auch, wenn ein Essen für Gäste aus anderen Ländern gegeben wird und alle wissen sollen, was sie auf dem Teller haben. „Schön”, sagt Kate Adams, „ich mag Speisekarten.”

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Text: Kathrin Gerlof 
Erschienen am 25. März 2010


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