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Lieber Cabrio statt Kombi?

Bild: Zwei Mütter mit Ihren Kindern im Auto bei Regen
Stehen junge Eltern mit ihrem Nachwuchs im Regen?

Bild: 2 Kinder mit Transparent: POLITIKER ZUM SOZIALAMT
Auf einer Demonstration gegen die Schließung von Kindertagesstätten in Berlin.

Bild: Jungen werden beim Lernen unterstützt
Erfolg mit staatlicher Sorge: Kinderbetreuung in Finnland.

Grafik: Demografische Übersicht der Kinderanzahl je Frau in der EU
Grafik: Demografische Übersicht der Kinderanzahl je Frau in der EU (2002)

Debatte: Familie heute

Kinder machen glücklich, Kinder sind die beste Vorsorge fürs Alter, Kinder kurbeln die Volkswirtschaft an. Die vielen Vorteile des Nachwuchses werden oft genannt und sind kaum zu verleugnen. Dennoch belegen Studien: Eigene Kinder stehen bei den wenigsten jungen Deutschen oben auf der Wunschliste. Denn den Kleinen haftet ein ganz anderes Image an: Sie rauben Schlaf und Freizeit, gelten als Karrierekiller und als finanzielles Risiko. Dabei sind sich alle einig: Am Einsatz für Kinder misst sich erfolgreiche Familienpolitik.

Wer nach der Herkunft des Wortes Familie sucht, findet für den lateinischen Begriff familia die Übersetzung „Gesamtheit der Dienerschaft, Gesinde, Hausgenossenschaft“. Hinter dem lateinischen familiaris verbirgt sich neben dem „zur Familie gehörig“ aber auch „vertraut, vertraulich“. Also könnte man Familie als „vertraute Gesamtheit“ bezeichnen – eine durchaus zeitgemäße Definition. Und im Koalitionsvertrag der rot-grünen Bundesregierung steht zu lesen: „Familie ist für uns, wo Kinder sind.“ Familie erscheint heute als Lebensform ohne klare Grenzen. Was genau macht eigentlich eine Familie aus? Die Geburtsurkunde des Kindes? Die gemeinsame Wohnung? Oder schlichtweg der Kauf des ersten Kombis?

Längst hat sich die Gesellschaft von der klassischen Vater-Mutter-Tochter-Sohn-Konstellation verabschiedet. Alleinerziehende Eltern, Patchwork-Beziehungen und unverheiratete Paare mit Kindern machen inzwischen einen erheblichen Teil der Familien in Deutschland aus. Aber selbst diese Spezies ist vom Aussterben bedroht, denn: Kinder sind „out“. Oder weniger salopp ausgedrückt: Deutschland ist ein „kinderentwöhntes“ Land, wie Bundesfamilienministerin Renate Schmidt das Dilemma beschrieben hat. Eine kürzlich erschienene Umfrage des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ergab: Die Deutschen wollen immer seltener Kinder. Jeder fünfte Erwachsene im Alter zwischen 20 und 45 Jahren plant inzwischen sogar, ganz auf Nachwuchs zu verzichten. „In Deutschland hat sich das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit ausgebreitet“, heißt es in der Studie.

Kinder als Armutsrisiko

Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland rund 700.000 Kinder zur Welt – vor 40 Jahren waren es im Gebiet der jetzigen Bundesrepublik mit insgesamt 1,35 Millionen fast noch doppelt so viele. Deutschland hat Nachwuchssorgen: Im Jahre 2003 brachte eine Frau im Schnitt nur noch 1,34 Kinder zur Welt. Damit die Bevölkerung in Deutschland langfristig nicht ausstirbt, müsste jede Frau rein rechnerisch 2,1 Kinder bekommen. Inzwischen wird schon von Bevölkerungspolitik statt von Familienpolitik gesprochen, wenn es darum geht, diesen Trend zu bekämpfen.

Die Gründe für den fehlenden Kinderwunsch bei jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren: 83 Prozent fehlt der geeignete Partner zum Kinderkriegen. Viele geben zudem an, dass sie fürchten, ihre Freizeit (42,1 Prozent) oder ihr Beruf (44,5 Prozent) würde unter Kindern leiden. Und 62 Prozent haben Angst, den aktuellen Lebensstandard nicht halten zu können. Steht also das neue Cabrio höher im Kurs als der gebrauchte Kombi?

„Kinder kriegen die Leute immer“, sagte einst Konrad Adenauer. Sicher rechnete er nicht mit einer Generation, die lieber durch die Welt reist, statt Reihenhäuser zu kaufen, die Wellness dem Windelwechseln vorzieht und die auf Karriere statt auf Nachwuchs setzt. Und der die modernen Methoden zur Empfängnisverhütung einfache Wege bieten, die eigene Lebensplanung entsprechend zu kontrollieren. Allerdings wehren sich Kinderlose zunehmend gegen eine Pauschalverurteilung nach dem Motto „Luxus statt Kinderlast“. Denn oft sind es keine egoistischen Gründe, die hinter einem Leben ohne Kinder stehen. Vielfach ist es die Angst vor echter materieller Armut. Das mit Kindern verbundene Armutsrisiko ist hoch. Die Armutsquote bei Kinderreichen liegt deutlich höher als bei Singles und kinderlosen Paaren. Nach einer Allensbach-Studie aus dem Jahre 2004 meinen 47 Prozent der Befragten, dass ein Kind eine zu große finanzielle Belastung darstelle.

Die jungen Leute sind auch nicht verantwortlich für den Wandel im System. Die Bevölkerung wird dank des medizinischen Fortschritts immer älter. Das bedeutet aber auch, dass die Renten über einen längeren Zeitraum ausgezahlt werden müssen. Vor 50 Jahren kamen auf vier über 60-jährige Mitbürger 24 junge Menschen. Demographen befürchten heute angesichts der niedrigen Geburtenraten, dass in fünfzig Jahren auf vier Senioren nur noch sieben junge Menschen kommen. Das heißt, dass die größer werdende Renten- und Pflegelast auf immer weniger Schultern verteilt wird. Fazit: Es gibt derzeit zu wenig junge Menschen, die den Bestand der sozialen Sicherungssysteme gewährleisten können.

Grafik: Armutsquote aufgeschlüsselt nach Haushaltstypen (2002)

Wahlfreiheit für Eltern

Auch aus ökonomischer Sicht sind Kinder ein zentraler Faktor. Familienpolitik ist harte Wirtschaftspolitik, denn niedrige Geburtenraten bedeuten schon heute niedrige Wachstumsraten und werden nach Schätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ab 2005 dazu führen, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland auf 0,5 Prozent statt der möglichen 2,3 Prozent absinken wird.

Kinder als volkswirtschaftlicher Faktor – das ist im Nachbarland Frankreich ein ganz normaler Gedanke. „Jedes neue Kind ist nicht nur ein persönlicher Glücksfall, sondern auch ein wirtschaftlicher Gewinn und ein Wachstumsanstoß für das ganze Land“, sagt der französische Familienminister Christian Jakob. Frankreich gilt zusammen mit den Ländern Skandinaviens als das EU-Mitgliedsland, in dem sich der Staat am stärksten familienpolitisch engagiert – und Erfolg hat. Frankreich ist das Land in der EU, das die größte Vielfalt an Betreuungsmöglichkeiten und damit viele Wahlmöglichkeiten für Eltern fördert. Als Resultat davon ist die Erwerbsbeteiligung von Müttern hoch. In Frankreich ist die Berufstätigkeit der Frauen eine Selbstverständlichkeit, ganz unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht. Mit dem großen Betreuungsangebot für Kinder und einer staatlichen Familienkasse wird Müttern die Möglichkeit gegeben, sich frei zu entscheiden. Zum einen, ob sie überhaupt berufstätig bleiben wollen und zum anderen, welche Form der Kinderbetreuung sie wählen.

Diese Wahlfreiheit ist in Deutschland nicht etabliert, obwohl sie von vielen Seiten immer wieder gefordert wird. Kostas Petropulos vom Heidelberger Büro für Familienfragen und Soziale Sicherheit erinnert an das „Kinderbetreuungsurteil“ des Bundesverfassungsgerichts vom 19. Januar 1999. Hierin erteilen die Verfassungsrichter dem Staat den Auftrag, für Eltern die Wahlfreiheit bei der Art der Kinderbetreuung zu schaffen – indem die nötigen Voraussetzungen dafür eingerichtet werden. „Zum einen heißt das: Wenn Eltern sich dazu entschließen, ihre Kinder halb- oder ganztags fremdbetreuen zu lassen, dann muss unsere Gesellschaft dafür sorgen, dass die notwendige Infrastruktur bereitgestellt wird – also Kindergärten, Kindertagesstätten, verlässliche Halbtags- oder Ganztagsschulen.“ Außerdem müsse bedacht werden, dass Erziehungszeit automatisch den Verzicht auf Erwerbseinkommen bei gleichzeitig deutlich erhöhten Kosten bedeute, also Wohlstandsverluste in der aktiven Lebensphase. „Dies schreckt zu Recht jeden ab, der an eigene oder weitere Kinder denkt“, meint Petropulos.

Grafik: Kinderanzahl der Jahre 1940, 1950 und 1960 in West und Ost

Kinder brauchen Schutzräume

Ob ein Babyboom aber den Standort Deutschland sogleich in ein florierendes Wirtschaftswunderland verwandelt, ist höchst fraglich. Eine Studie des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und demographischer Wandel (MEA) kommt zu dem Ergebnis, dass kurzfristig eine Steigerung der Geburtenrate sogar zu mehr Kosten anstatt zum Anwachsen des Bruttosozialprodukts führen würde. Erst nach 20 bis 25 Jahren könne sich ein positiver Effekt einer steigenden Geburtenrate bemerkbar machen – allerdings nur, wenn die dann geborenen Kinder auch besser ausgebildet würden. Denn nur so könnten sie als produktives „Humankapital“ Wirkung auf die Einkommen und die Arbeit pro Kopf zeigen.

Doch wer bekommt schon Kinder, weil es der Demographie oder dem Bruttosozialprodukt nützt? Kirchen und Verbände bemängeln die viel zu wirtschaftliche Sichtweise der Gesellschaft. „Kinder sind nicht nur ein ökonomischer Faktor“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann. „Die Gemeinschaft muss sich darauf einstellen, dass Kinder ihren Schutzraum brauchen, um sich entfalten zu können. Wer von der Notwendigkeit einer höheren Geburtenrate spricht, muss sich auch dafür einsetzen, dass Kinder diesen geschützten Raum tatsächlich vorfinden und dass Eltern tatsächlich in der Lage sind, sich auf Kinder einzulassen und ihnen diesen Schutz zu bieten.“ Der Deutsche Frauenrat glaubt, der Kinderwunsch scheitere an einer fehlenden Infrastruktur. Daran müsse sich etwas ändern.

Den „perfekten Zeitpunkt“ für den Nachwuchs gibt es wohl nie – zu viele Bedingungen sollen dafür erfüllt sein: Die große Liebe als Partner, finanzielle Sorglosigkeit, eine große Wohnung, die Möglichkeit, Baby und Beruf unter einen Hut zu bringen, ein Kindergartenplatz gleich um die Ecke und potenzielle Großeltern, die auf ihren Einsatz warten. Doch die Familienpolitik kann weder Traumfrauen noch Göttergatten herbeizaubern. Sie kann aber dafür sorgen, dass der „perfekte Zeitpunkt“ für Kinder nicht in der Zukunft liegt, sondern immer schon begonnen hat.

Text: Birte Betzendahl
Fotos: Deutscher Bundestag, Picture-Alliance
Grafiken: Karl-Heinz Döring
Erschienen am 29. Juni 2005

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