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Anders über Freiheit denken

Bild: Wahid in einer kleinen Gruppe von Jugendlichen
Wahid im Gespräch mit Schülern.

Bild: Marius Fiedler mit Mikrofon in der Hand
Marius Fiedler.

Bild: Vollbesetzter Stuhlkreis
Diskussionsrunde mit vielen Fragen.

Bild: junge Frau verfolgt die Diskussion
Zuschauerinnen ...

Bild: Tisch mit Notebooks, auf denen der Chat läuft
... und Chatter.

Bild: Hans-Peter Kemper mit Mikrofon
Hans-Peter Kemper.

Bild: Roland Gewalt
Roland Gewalt.

Bild: Sibylle Laurischk mit Mikrofon
Sibylle Laurischk.

Bild: Roland Gewalt und Hans-Peter Kemper vor den Notebooks
Roland Gewalt (l.) und Hans-Peter Kemper (r.) im Chat.

Bild: Schriftzug am Eingang
Jugendstrafanstalt Berlin.

Streitgespräch im Jugendknast

Warum werden Jugendliche kriminell, und wie gehen wir mit ihnen um? Darüber haben junge Straftäter, Jugendliche und Abgeordnete diskutiert. Und damit alle Beteiligten ein Gefühl für das Problem bekamen, fand das Gespräch in der Jugendstrafanstalt Berlin statt. Im Anschluss wurde im Live-Chat auf www.mitmischen.de weiterdiskutiert.

Die ungewohnte Umgebung machte vor allem auf die jungen Zuschauer großen Eindruck. Schon das massive Tor der Jugendstrafanstalt sorgte für Respekt: „Das sieht schon krass aus. Irgendwie wie bei Big Brother,“ urteilte die 18-jährige Gymnasiastin Antonia über das mächtige Bauwerk.

Große Erfahrungen haben Antonia und ihr Mitschüler Jan mit dem Thema Kriminalität bisher nicht gemacht, erst recht nicht an der eigenen Schule. Jan erzählte: „Wenn mal was passiert, dann sind das eher im Umfeld ein paar Leute. Aber die wissen, dass ich das nicht gut finde.“ Man hält sich aus solchen Sachen raus. Genaue Vorstellungen hatten beide nicht, was nun hinter den Mauern auf sie zukommen sollte.

Anders war das bei Wahid und Haydar, die den Jugendknast von innen kennen und sich zur Teilnahme an der Diskussion bereiterklärten. Wahid hatte sich für die Veranstaltung ein Ziel gesetzt: „Die Jugendlichen sollen nachher hier rausgehen und dann anders über die Freiheit denken.“ Eineinhalb Jahre hat er bisher in der Strafanstalt verbracht und befindet sich nun im offenen Vollzug. Seine Erfahrungen hinter Gittern wünscht er niemandem. Haydar hatte andere Hoffnungen für die Veranstaltung: „Ich will dazu beitragen, dass sich hier im Knast was ändert.“

Geleitet wurde die Podiumsdiskussion im Veranstaltungsraum der Strafanstalt von Radio-Fritz-Moderator Jan Hendrik Becker. Mit seinem lockeren Auftreten brach er schnell das Eis zwischen den Teilnehmern in der Runde und dem jungen Publikum. Neben dem Anstaltsleiter Marius Fiedler nahmen an der Diskussion die Bundestagsmitglieder Hans-Peter Kemper (SPD), Roland Gewalt (CDU/CSU) und Sibylle Laurischk (FDP) teil. Alle drei sind mit dem Thema Jugendkriminalität vertraut. So war Kemper vor seiner politischen Laufbahn Kriminalbeamter, Sibylle Laurischk arbeitete als Anwältin vor allem in Familienfragen, und Roland Gewalt war mehrere Jahre innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Hartes Thema, lockerer Ton

Die aktuelle Brisanz der Jugendkriminalität erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Schließlich hat sich die Zahl der jugendlichen (14 bis unter 18 Jahre) und heranwachsenden Tatverdächtigen (18 bis unter 21 Jahre) beispielsweise im Zeitraum von 2002 bis 2003 kaum verändert. Was Angst macht, sind die Verlagerungen bei den Straftaten in den letzten Jahren: Die mit Abstand häufigste von Jugendlichen begangene Straftat, der Diebstahl, hat von 2002 bis 2003 zwar deutlich abgenommen. Dagegen stieg die Zahl der Tatverdächtigen, die gegen das Waffengesetz verstoßen haben, im gleichen Zeitraum allein unter den deutschen Jugendlichen um beängstigende 40 Prozent. Die Körperverletzungen bei deutschen Jugendlichen nahm um 1.379 Fälle und bei ausländischen Jugendlichen um 894 Fälle zu. 2003 gab es dadurch insgesamt 58.607 der Körperverletzung tatverdächtige Jugendliche. Offensichtlich steigt also die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen immer mehr an, Hemmungen sinken und die Bewaffnung schreitet voran.

Erziehen, nicht strafen

Der Leiter der Jugendstrafanstalt Berlin, Marius Fiedler, weiß um die Rolle seiner Einrichtung bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität: „Wenn einer zu uns kommt, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.“ Es muss schon etwas sehr Ernsthaftes passiert sein, damit ein Jugendlicher hinter Gitter wandert. Trotzdem hat auch der Jugendknast nicht die Aufgabe, junge Kriminelle nur wegzusperren. Über die Fraktionen hinweg waren sich die Abgeordneten einig: Jugendstrafanstalten sind das letzte Mittel und ihr Sinn ist die Erziehung.

Der Begriff stieß bei den beiden Insassen aber nicht auf Zustimmung. Wahid betonte: „Erziehung ist das falsche Wort. Ich bin von meiner Familie erzogen worden. Die war intakt.“ Auch Haydar hatte zuvor gesagt: „Mich hat hier keiner erzogen.“ Schon das Personal reiche nicht aus, damit jeder Jugendliche eine intensive Betreuung erhalten könne.

Und trotzdem haben sich die beiden in der Anstalt verändert. Beide haben eine Ausbildung gemacht, Haydar hat mittlerweile einen Job. Dass aber nicht jede Jugendstrafanstalt gleich gute Arbeit leistet, betonte die FDP-Abgeordnete Laurischk. Deshalb habe ihre Fraktion einen Gesetzentwurf vorbereitet, der bundesweit einheitliche Qualitätsstandards vorsieht. Damit fand sie auch die Zustimmung von Anstaltsleiter Fiedler, der aber warnte: „Da darf dann aber nicht drinstehen: Näheres regelt der Finanzminister.“

Die Frage nach öffentlichen Geldern bewegte auch das Publikum. Heftigen Applaus erntete ein Mitglied des Beirates der Strafanstalt für seine Kritik an den Politikern: „Warum werden denn die Gelder gerade für die präventiven Maßnahmen immer weiter gestrichen?“ Schließlich seien die Mittel in der Prävention sogar wesentlich besser eingesetzt als im Strafvollzug. Auch Laurischk kritisierte Kürzungen: „Wir sparen am falschen Ende – nämlich am Anfang.“ Eine gute Basis für die Kinder werde immer in der Kindheit gelegt. Ursachen für falsche Entwicklungen seien deswegen auch in dieser Zeit besonders schlimm, sagte sie weiter und sprach die häufigen Trennungen der Eltern an.

Der SPD-Abgeordnete Hans-Peter Kemper betonte aber die Unersetzlichkeit des Strafvollzugs: „Es hat sich leider längst bewiesen, dass keine Gesellschaft wirklich kriminalitätsfrei ist.“ Auch präventive Maßnahmen hätten ihre Grenzen. Hier verwies er auf Initiativen in der Aussiedler- und Ausländerintegration: „Wir fördern allein beim Deutschen Sportbund 6.000 Integrationsprojekte. Kriminalität gibt es aber trotzdem.“ Außerdem würden besonders die gefährdeten Jugendlichen Sozialarbeiter und Streetworker ablehnen. Wahid erklärte die Abwehrhaltung: „Die Streetworker kennen uns Jugendliche nur aus der Theorie.“ Da falle es schwer, die Pädagogen ernst zu nehmen. Der CDU/CSU-Abgeordnete Roland Gewalt verwies dagegen auf die Fehler der Vergangenheit. Vor allem in Schulen seien Konflikte lange unter den Teppich gekehrt worden, weil es oft eine Angst um den Ruf der eigenen Schule gegeben habe: „Da ist es wichtig, dass auch bei den Lehrern ein Vertrauen in die Polizei entsteht.“

Die Podiumsdiskussion hatte das Publikum schnell in den Bann gezogen. Viele Schüler stellten Fragen an die Abgeordneten und an die beiden Jugendlichen. Ein Mädchen fragte Haydar, ob er jetzt seine Erfahrungen an seine Bekannten weitergebe: „Klar. Ich rate jetzt meinen Freunden davon ab, wenn sie irgendeinen Mist bauen wollen.“

Live-Chat im Anschluss

Im Anschluss an die Diskussion stellten sich die Teilnehmer in einem Live-Chat auf www.mitmischen.de den Fragen des Internetpublikums. Auch hier war die Teilnahme lebhaft. Luki-90 und Tini brannte besonders das Thema Videoüberwachung an Schulen unter den Nägeln. Hans-Peter Kemper und Roland Gewalt sprachen sich daraufhin für eine Überwachung an Schulen mit erheblicher Gewaltkriminalität aus. Roland Gewalt verwies zudem auf Erfahrungen in anderen Ländern: „Erfahrungen aus England zeigen, dass dieses Mittel abschreckend wirkt.“

Das Thema hatte bei allen Zuhörern Interesse geweckt, so dass ein Urteil zu der Podiumsdiskussion bei den jungen Zuhörern und den Politikern einhellig ausfiel: „Zu kurz.“ Roland Gewalt freute sich über die engagierte Teilnahme der Jugendlichen: „Es war interessant, weil die Jugendlichen aus ihren Schulen herausgekommen sind und sich hier auch mal mit der Praxis auseinander gesetzt haben. Das war noch wichtiger als die Beiträge der Politiker.“

Hans-Peter Kemper fand es nicht schlimm, dass gerade die Bundestagsmitglieder aus den Reihen des Publikums teils heftige Kritik einstecken mussten: „Das Publikum war sehr emotional. Es gehört dazu, dass man da nicht nur Lob zu hören bekommt.“ Für die beiden „Ehemaligen“ war das Gespräch jedoch nicht einfach. Die Politiker erschienen ihnen sehr routiniert. Und Haydar zeigte sich danach auch skeptisch, ob die Schüler im Publikum wirklich viel von dem Erlebten mit nach Hause nehmen würden: „Die Schüler werden heute noch darüber reden. Aber sie können nicht wirklich nachempfinden, wie es hier drin ist.“ Sybille Laurischk war von Wahid und Haydar begeistert: „Beide Exinsassen waren erfrischend und haben sich nicht versteckt. Man kann nur hoffen, dass sie jetzt ihren Weg finden.“

Der Weg in den Knast

Die beiden Schüler Antonia und Jan waren nach der Diskussion ein wenig enttäuscht, weil sie über die Ursachen der Jugendkriminalität kaum etwas erfahren hätten. Vielleicht war aber auch die Erklärung von Wahid zu einfach, als er von dem Moderator gefragt wurde, wie es so weit kommt: „Das geht ruck, zuck. Man will halt Dinge haben, die man sich nicht leisten kann.“ Immerhin wurde aber ausführlich über die Verhältnisse gesprochen, in denen straffällig gewordene Jugendliche aufgewachsen sind.

Und genau darauf zielte die letzte Frage des Anstaltsleiters Marius Fiedler ab, eine Frage, auf die er eigentlich keine Antwort erwartete: „Ich habe hier viele junge Männer. Warum können deren Brüder, die in den gleichen Verhältnissen aufwachsen und die gleichen Bedingungen haben, so gut gedeihen? Warum können die Schwestern von jungen Kriminellen Anwältinnen oder Ärztinnen werden?“ Haydar aber hatte die Antwort parat und damit das letzte Wort in der Runde: „Vielleicht hat man die nicht erwischt.“

Text: Marcus Meyer
Fotos: Anke Jacob
Erschienen am 15. März 2005

Weitere Informationen:

  • Jugendstrafanstalt Berlin
    Die Jugendstrafanstalt Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, ihre jugendlichen Straftäter mit einer intensiven, qualifizierten Betreuung und einem breiten Ausbildungsangebot wieder an die Gesellschaft heranzuführen. Der Erziehungsauftrag der Jugendstrafanstalten ergeht aus dem Jugendgerichtsgesetz. In der JSA Berlin gibt es insgesamt 528 Plätze für männliche Straftäter. Häufigste Straftaten der Insassen waren Diebstahl und Raub, die Delikte reichen aber auch bis hin zu Totschlag und Mord.
    www.jugendstrafanstalt-berlin.de

  • Netztipp
    Informationen über die Veranstaltung und das Thema Jugendkriminalität sowie ein Chat-Protokoll gibt es auf dem Jugendportal des Bundestages www.mitmischen.de.


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