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Seemannsgarn im Parlamentsviertel

Bild: Blick aus einem Bundestagsgebäude auf einen vorbeifahrenden Ausflugsdampfer
Blick aus einem Bundestagsgebäude auf einen Ausflugsdampfer auf der Spree.

Bild: Bug eines vorbeifahrenden Ausflugsdampfers
Ausflugsdampfer.

Bild: Das Oberdeck des Ausflugsschiffs.
Blick von einer Bundestagsbrücke auf einen Ausflugsschiff.

Bild: Besetztes Oberdeck eines Ausflugsdampfers
Ausflugsdampfer am Bundestag.

Bild: Raum mit Deckenlampen und Fensterfront
Blick auf einen Ausflugsdampfer auf der Spree.

Bild: Ausflugsdampfer, im Hintergrund das Reichstagsgebäude
Ausflugsdampfer, im Hintergrund das Reichstagsgebäude.

Bild: Heck eines Ausflugsschiffes mit Rettungsringen
Heck eines Ausflugsschiffes.

Bild: Verglaster Ausflugsdampfer mit Deutschlandflagge am Heck.
Ausflugsdampfer mit Deutschlandflagge am Heck.

Im Sommer herrscht Hochbetrieb auf der Spree. Besonders beliebt sind die Touren vorbei an den Häusern des Bundestages, denn vom Schiff sieht die Welt ganz anders aus. Auch die der Politik.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen sie aus dem Winterschlaf: die Ausflugsschiffe auf der Spree, die fröhliche Menschenscharen durch die Mitte Berlins schippern. Tag für Tag fahren sie durch das Regierungsviertel, die „Carola“, der „Alexander“ oder die „Spree Comtess“. Bei Sonnenschein sind sie vollbesetzt, an Deck wird geplaudert und berichtet, gewitzelt und geschimpft, gelacht und resümiert.

Die kürzeste und beliebteste Tour, eine Stunde durch das historische und das neue Berlin, kostet meist weniger als eine Kinokarte. Mehr als acht Euro zahlt man für die gute Stunde nicht. Also drängeln sich die Menschen an den zahlreichen Anlegestellen, setzen sich aufs Oberdeck, schlingen sich die Pullover um den Hals – Wasser ist Wasser, da weht immer ein Lüftchen – und lassen sich unterhalten.

Die vollbesetzten Dampfer tuckern vorbei an den Abgeordneten, die in den Häusern des Bundestages, in ihren Büros oder in Tagungsräumen sitzen und Politik machen. Manche von ihnen, und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundestages ebenso, haben beim Arbeiten die Spree vor Augen, die das „Band des Bundes“, dessen Struktur dem Lauf des Wassers folgt, teilt und vereint.

Wenn sie ihre Fenster aufmachen, dringt manchmal, bei günstigem Wind, eine Kakophonie von Wort- und Satzfetzen in ihre Büros, getragen von Mikro- und Megaphonen. Die Worte ergeben eine fröhliche Rede ohne rechten Sinn und Zusammenhang – aber durchaus anregend: „Sehen Sie das Band des Bundes … wenn wir hier unter der Brücke drunter durch … die größte Bibliothek Europas … hier entlang verlief die Berliner Mauer, da hinten dann … alte Zollgrenze, aber heute hat der Finanzminister … sonst hat Berlin überhaupt kein Geld … da war noch ein Bundesforum geplant … gehen die Abgeordneten im Bademantel über die Brücke.“ Was erzählen die da bloß? fragt sich mancher Volksvertreter.

Oft ist es nur Klamauk – aber manchmal wird auch deftig zugelangt von den Kapitänen und Reiseleitern, wenn die „große Politik“ vis à vis vorüberzieht. Doch böse ist es fast nie: „Diese Brücke hier heißt horizontale Beamtenlaufbahn“, frotzelt etwa der Reiseleiter. „Hast g’hört?“, sagt ein Mann zu seiner Angetrauten. „Ist nix mit Karriereleiter.“ Die Frau nickt und nippt an der Berliner Weißen. „Und diese Brücke zwischen dem Paul-Löbe-Haus und dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus ist gebaut worden, damit die Abgeordneten und die Mitarbeiter schneller von einem Ort zum anderen kommen. Aber haben Sie schon mal einen Beamten rennen sehen?“ Nein, das hat keiner auf dem Schiff, aber jeder kennt den Witz. Sollten sich hier ein paar Beamte befinden, geben sie es jetzt ganz bestimmt nicht zu, sondern lachen einfach mit.

Manchmal werden die Touristen auch mit Unsinn konfrontiert. Da macht der eine oder andere Stadtführer das Regierungsviertel plötzlich zum „Tal der Ahnungslosen“. Die ostdeutschen Besucher wundern sich dann, denn sie wissen, was der Begriff bedeutet: „Das Tal der Ahnungslosen“ war die Gegend in der DDR, wo kein Westfernsehen empfangen werden konnte. Nun, bei Bedarf nutzen die Bundestagsabgeordneten und ihre Mitarbeiter natürlich die gängigen TV-Sender zur schnellen Information – ebenso wie übrigens das Parlamentsfernsehen des Bundestages. Von „ahnungslos“ also keine Spur.

Die guten Reiseleiter hingegen, die geübten Entertainer auf den Schiffen, bringen ihre Gäste auf der kurzen Strecke zwischen Palast der Republik und Lehrter Stadtbahnhof sehr oft zum Lachen. Sie vermischen aktuelle Nachrichten mit Historie, kombinieren Klatsch mit Wissenswertem und bringen so die Volksvertreter dem Volke näher. Die Abgeordneten im Bademantel zum Beispiel sind ein gern beschworenes Bild. „Da unten, im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, gibt es eine Sauna für die Parlamentarier. Und wenn die es eilig haben, schmeißen sie sich im Büro schon mal in ihren Bademantel und laufen über die Spree.“

„Diese Brücke heißt Beamtenlaufbahn.“

Ein paar Sekunden lang wird diese skurrile Szene auch geglaubt, dann recken alle auf dem Schiff die Köpfe nach oben und gucken auf die Brücke und sehen: lauter vollständig angezogene Menschen. „Würd’ mich keiner raufkriegen“, sagt ein Bayer und erntet Zustimmung aus der Reisegruppe. Zu hoch, zu luftig. Und von hier unten schaut die Brücke aus, als könne sie jeden Moment … – na, das tut sie nicht, aber zu Hause wird vielleicht erzählt, dass die da in Berlin Brücken bauen, die sehen aus, als könnte sie jeder Wind umpusten. Und oben drauf laufen Abgeordnete im Bademantel, weil sie in die Sauna wollen.

Auf Höhe des Lehrter Bahnhofes trifft man „Moby Dick“, ein Schiff, so groß und so silbern wie das berühmte Vorbild. „Winken“, sagt der Schiffsführer und Entertainer, „immer winken, vor allem an Brücken. Das ist aktive Selbstverteidigung. Wer zurückwinkt, wirft nicht mit Colabüchsen oder Essensresten. Sicher können Sie nur am Bundestag sein. Abgeordnete tun so was nicht.“ Nein, so was tun sie wirklich nicht, und manch anderes, was ihnen zugeschrieben wird, auch nicht.

Aber natürlich macht man die Volksvertreter gern, und sei es nur zum Spaß und zur Unterhaltung, für viele kleine und große Malaisen und Pleiten, Pech und Pannen verantwortlich. Schließlich machen sie Gesetze und erlassen Bestimmungen und haben die Macht und kriegen dafür eine Menge Geld. „Links sehen Sie das Bundespresseamt. Da arbeiten 800 Leute und lassen die Politik der Regierung im besten Licht erscheinen. Die haben also viel zu tun.“ Immerhin: keine Spur von Faulheit.

Geschichten und auch das eine oder andere Gerücht gehören zum Geschäft. Die Leute wollen unterhalten werden. „Hier links sehen Sie das Haus der zwangsangesiedelten Deutschen Arbeitgeberverbände, im Volksmund Hundezwinger genannt. Jedes Jahr am 1. Mai wird hier gern mit Farbbeuteln geworfen. Da sehen Sie das Neue Museum, es wird seit zwanzig Jahren fieberhaft renoviert, und hier unten am Ufer sitzen die drei dazu beschäftigten Bauarbeiter in kreativer Schaffensphase. Und schauen Sie dort, die goldenen Kronen auf dem Bodemuseum, 25.000 Euro hat eine gekostet. Alles Privatspenden. Man sagt, es sei ein Zahnarzt bei den Sponsoren gewesen, der kannte sich besonders gut mit Goldkronen aus.“ So geht es eine Stunde lang, und das gefällt den meisten.

„Und wenn Sie noch Zeit haben,setzen Sie sich auf eine der Freitreppen.“

Eine Menge Geschichten und Witze und Anekdoten, berichtet ein Schiffsführer, dessen Sprechtempo rekordverdächtig ist, kämen von den Touristen selbst. Die erzählten sich und anderen gern ein paar Witze und Begebenheiten, die sie gelesen oder gehört haben. Er höre sich das an und verwende dann manchmal das eine oder andere. „Ohne uns“, sagt er, „wären die Abgeordneten nicht so beliebt und nicht so bekannt“.

Den Abgeordneten müssen manchmal wirklich die Ohren klingeln, wenn sie da unten auf den Schiffen bekannt und berühmt gemacht werden und wenn ihr Arbeitsplatz angepriesen wird – oft auch ohne Hintersinn: „Durch das ganze Regierungsviertel können Sie völlig frei durchgehen und sich alles anschauen. Jeder Abgeordnete hat drei Büros, eins für sich und zwei für die Mitarbeiter. Ist alles ganz demokratisch. Und wenn sie nachher noch Zeit haben, setzen Sie sich auf eine der Freitreppen und schauen Sie sich einfach ein bisschen um.“

Und wenn die Fiktion mal wieder bunte Blüten treibt, können sich die Menschen in Berlin oder auch in ihrem Wahlkreis direkt vom Gegenteil überzeugen: „Das ganze unterirdische Erschließungssystem ist nur da, damit sich die Abgeordneten oben dem Volk nicht zeigen müssen“, behauptet mancher Reiseleiter. Doch die Bürgerinnen und Bürger wissen ja: Neben Auftritten in Medien besuchen die Abgeordneten jeden Tag Vereine und Initiativen, haben in ihrem Heimatort Bürgersprechstunden oder diskutieren mit Besuchergruppen aus ihrem Wahlkreis. Und demnächst kommt der eine oder andere vielleicht sogar mit dem Info-Mobil des Deutschen Bundestages in die Heimatstadt.

Fotos: studio kohlmeier
Erschienen am 30. Mai 2005


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