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Michael Hereth
Frankreich als eine heimliche Monarchie
Eine Biografie über Staatspräsident
Jacques Chirac
Der langjährige Leiter des ARD-Fernsehstudios in Paris,
Heiko Engelkes, hat ein Buch über den französischen
Staatspräsidenten Jacques Chirac geschrieben. In 22 teilweise
stark von seinen persönlichen Erfahrungen gefärbten
Kapiteln schildert der Fernsehjournalist Stationen, Personen und
Probleme aus der Karriere jenes Mannes, der mindestens seit 1974 zu
den Spitzenpolitikern der fünften Republik gehört.
Die Bedeutung der politisch aktiven Ehefrau des heutigen
Präsidenten, Bernadette Chodron de Courcel, wird ebenso in
einem Kapitel gewürdigt wie die Geschichte des Pariser Sitzes
des Staatspräsidenten, des Elysee-Palastes. In mehreren
Kapiteln werden verschiedene Episoden aus der
deutsch-französischen Freundschaft seit de Gaulle und Adenauer
erzählt, und die mit Jacques Chirac zusammenarbeitenden oder
mit ihm um die Macht streitenden Politiker Juppé, Sarkozy und
Jospin werden jeweils in einem oder zwei Kapiteln vorgestellt.
Chiracs unmissverständliche Haltung gegen jede Form von
Antisemitismus, die seine kritische Haltung gegenüber der
Palästina-Politik Israels ergänzt, füllt ebenso ein
Kapitel wie die gaullistische Tradition, die Irak-Krise, die
britisch-französischen Beziehungen und die legalen und
illegalen Formen der Korruption des "Systems Chirac".
Versäumnisse von Nizza
Das Kapitel über die Vorgeschichte und den Ablauf des
Konflikts der von Chirac geführten Republik Frankreich mit den
Vereinigten Staaten von Amerika wegen der ?Intervention“ im
Irak gehört ebenso zu den Glanzlichtern dieses Buches wie
Heiko Engelkes Schilderung der französisch-britischen
Hassliebe. Insgesamt erfährt der Leser relativ viel über
Chiracs Außenpolitik, auch wenn die mangelhafte Vorbereitung
der Konferenz von Nizza durch die gastgebende französische
Diplomatie vom Autor diplomatisch oder unanalytisch verschwiegen
wird. Es war immerhin in Nizza unter französischer
Federführung, als versäumt wurde, die Europäische
Union in Vorbereitung auf die Aufnahme der neuen Mitglieder
sinnvoll umzubauen. Jetzt quält sich ganz Europa durch die
Ratifizierungsdebatten der verspäteten Europa-Verfassung.
Zwar beschäftigt sich das Buch viel mit der
Außenpolitik des französischen Staatspräsidenten,
von den innenpolitischen Halbheiten Chiracs ist dagegen nur am
Rande die Rede. Frankreich hat ja tatsächlich ähnliche
Probleme wie die Bundesrepublik. Seine sozialen Sicherungssysteme,
sein Haushalt und seine Wirtschaftsdynamik weisen große
Defizite auf. Es ist erstaunlich, dass der deutsche Bundeskanzler,
der Sozialdemokrat Schröder die notwendigen Reformen mutiger
auch zuungunsten seiner engsten Wählerklientel durchsetzt als
der konservative Gaullist Chirac in Frankreich. Darüber findet
der Leser bei dem doch sehr an der Oberfläche bleibenden Buch
von Engelkes nichts. Die gesamte Innenpolitik unter dem
Präsidenten Chirac reduziert sich in dieser Schilderung auf
Wahlkämpfe, Machtkämpfe und ein Kapitel über die
Gleichberechtigung, in dem Chirac nur am Rande vorkommt.
Statt dessen erliegt der Autor einer in Frankreich leider
beliebten Schwäche: Er berichtet über Belangloses, was
aber bei den Untertanen und am "Hofe", im Kreis der Mächtigen,
Gegenstand witziger Aperçus sein kann. So beschreibt Engelkes,
welche Socken der ehemalige Premierminister Balladur trägt;
welche amourösen Abenteuer der Student Chirac in den USA
erlebte, wie die Kleidertracht der Helfer in Jospins Wahlkampfteam
aussah, dass Frau Sarkozy "ungeschminkt älter als auf den
Hochglanzfotos" wirkt oder gar, dass bei einem Empfang für
Chirac in Berlin Frau Barbara Becker noch nichts von der ihr
bevorstehenden Trennung vom Tennishelden Boris gewusst zu haben
scheint.
Es ist wahr, dass diese Art von Hofberichterstattung über
die Hintertreppe ein Charakteristikum von Monarchien ist, die
über die ernsten Probleme der Gesellschaft keine
republikanisch gebotene Debatte führen. Vielleicht empfindet
Engelkes Frankreich als eine derartige Monarchie, der Buchtitel
"König Jacques" lässt es ebenso vermuten, wie die falsche
Aussage im Kapitel "Ohne de Gaulle kein Chirac", nach der in den
1.000 Jahren vor der Revolution in Frankreich "die Könige als
,Herrscher von Gottes Gnaden’ ohne Verfassung regierten".
Wenn der Autor aber vermutet, Frankreich sei oder werde eine
Wahlmonarchie, sollte er dies analysieren und nicht durch seine Art
zu schreiben klammheimlich bestätigen.
Heiko Engelkes
König Jacques – Chiracs Frankreich.
Aufbau-Verlag, Berlin 2005; 400 S., 19,90 Euro
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