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Informationen über dieses Dokument: Seitentitel: Schwertfreie Zone
Gültig ab: 17.09.2008 10:19
Autor: Sebastian Kreideweiß
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Schwertfreie Zone

Big Ben in London
Big Ben in London
© mauritius images/SuperStock

Vereinigtes Königreich: UK Parliament

Im britischen Parlament zu sterben, ist per Gesetz verboten, und zwar schon seit 121 Jahren. Ziemlich albern, könnte man denken, und dann gibt es doch eine Erklärung dafür: Der Palast von Westminster, Sitz des Parlaments, den die ganze Welt wegen seines Uhrenturms „Big Ben” kennt, ist ein Königspalast. Und jeder, der in einem Palast des Staatsoberhaupts das Zeitliche segnet, hat automatisch ein Anrecht auf ein Staatsbegräbnis. Nun stelle man sich vor, was passieren würde, wenn das bekannt würde. Vermutlich würde eine Art Sterbetourismus einsetzen von all den eitlen Untertanen, die ihren letzten Weg gratis auf einem sechsspännigen Kanonenwagen und mit militärischen Ehren zurücklegen wollen.

Genauso sonderbar ist ein Gesetz vom 30. Oktober 1313, nach dem das Tragen von Rüstungen und Schwertern im Parlament untersagt ist. Auch nicht gerade ein zeitgemäßes Statut, aber damals war die britische Demokratie eben erst zarte achtzehn Jahre alt. 700 Jahre später ist sie zur Erhabenheit herangereift, die Großmutter aller Parlamente, und dennoch hat sie die Kampfeslust beibehalten, die Edward II. seinerzeit dazu veranlasste, Waffen aus dem Palast zu verbannen.

Bis heute basiert die britische parlamentarische Tradition auf dem Duell, der Redeschlacht. Statt des Halbkreises in athenischer Tradition, der den Redner in den Mittelpunkt stellt und zur ausgewogenen Diskussion anhält, sitzen sich Regierung und Opposition in langen Reihen gegenüber, bereit zur Konfrontation. Wer das Wort erhält, steht an seinem Platz auf den grünen Lederbänken auf und redet frei. Die eigene Fraktion feuert ihn an, die gegnerische wedelt mit Notizzetteln und pfeift aus. Es ist ein organisiertes Chaos, das vor allem in der wöchentlichen Fragestunde in höchster Perfektion dargeboten wird, wenn der Premierminister Rede und Antwort steht. Das ist der Moment, da Politiker mit Wortgewandtheit, Scharfzüngigkeit und Witz punkten müssen, um sich politischen Respekt zu verschaffen. Es ist ein politisches Theater, das strikten Regieanweisungen folgt. Zeitunglesen ist verboten, und Bücher sind im Sitzungssaal ebenfalls nicht gestattet, seit sie im 19. Jahrhundert als Wurfgeschosse eingesetzt wurden.

Dabei wird an der Oberfläche viel Wert auf Höflichkeit gelegt. Das House of Commons ist buchstäblich ein „ehrenwertes” Haus — und ein namenloses. Abgeordnete reden einander ausschließlich in der dritten Person an, und anstatt des Namens nennen sie den Wahlkreis. Gregory Barker von den Konservativen ist „das ehrenwerte Mitglied für Bexhill und Battle”. Und weil er einen Platz am Kabinettstisch hat, ist Premierminister Gordon Brown gar „das hochehrenwerte Mitglied für Kirkcaldy und Cowdenbeath”. Persönliche Beleidigungen sind tabu. Ratte, Schwein, Feigling, Hooligan, wer sich mit diesen oder ähnlichen Ausdrücken im Ton vergreift, kassiert sofort eine Ermahnung. Auch darf man den Gegner nicht direkt der Lüge bezichtigen. Winston Churchill warf jemandem stattdessen eine „terminologische Ungenauigkeit” vor und meinte damit dasselbe.

Wo das Schwert verboten ist, wird eben mit dem Florett gefochten. Und je brillanter der Redner ist, desto eleganter die Beleidigung. 700 Jahre parlamentarische Tradition verpflichten eben auch in dieser Hinsicht. 

Text: John Jungclaussen, London
Erschienen am 24. September 2008

Weitere Informationen:

United Kingdom Parliament
Das britische Parlament besteht aus dem House of Commons und dem House of Lords.
www.parliament.uk


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