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Bert Rebhandl
Nicht immer ganz stilsicher
Von den Mühen eines Genre: Der
Multikulti-Film
"Brauchst du Probleme?" Mit dieser Frage traten
Erkan Maria Moosleitner und Stefan Lust, Deutschtürken vom
Planet Döner, in die deutsche Filmgeschichte ein. Mit ihren
mittlerweile drei Genre-Parodien haben sie wesentlich dazu
beigetragen, die Comedy-Form aus dem Fernsehen ins Kino zu
exportieren. Die Konflikte bei Erkan und Stefan entstehen nicht aus
nationaler Zugehörigkeit oder religiösen Unterschieden,
sondern aus der ganz normalen Überforderung, die eine
Sozialisation unter den Bedingungen einer wild gewordenen Popkultur
darstellt. Ihr Slang ist die einzige Möglichkeit, sich
Gehör zu verschaffen. Ihre infantile Freundschaft ist eine
Abwehr gegen die Zumutungen einer entwickelten Sexualität.
Ihre Welt ist halb virtuell, halb Jugendzimmer.
Mit Deutschland als politischem Gemeinwesen
haben sie weniger zu tun als mit einer transnationalen
Konsumkultur, deren bevorzugter Frauentyp die Computerspiel-Ikone
Lara Croft und deren wichtigstes Kommunikationsmittel das
Mobiltelefon ist. Auch wenn die Filme ("Erkan und Stefan", "Erkan
und Stefan gegen die Mächte der Finsternis", "Erkan und Stefan
- Der Tod kommt krass") nicht so erfolgreich waren wie die
Comedy-Serie bei Pro7, so gehören die beiden Entertainer doch
zu einem Kraftzentrum des deutschen Films. Michael "Bully" Herbig
war der Regisseur ihres Kinodebüts, noch bevor er mit "Der
Schuh des Manitu" seine eigenen, genuin deutschen Wildwestfantasien
auf Spielfilmlänge brachte und einen Sensationserfolg
schaffte. Während für Herbig die spießigen
50er-Jahre die normative Epoche der deutschen Unterhaltung sind,
sind Erkan und Stefan ganz deutlich Produkte der
identitätspolitischen 90er-Jahre.
Ihre internationalen Vorbilder, zum Beispiel
der britische Komiker Ali G, entstammen Gesellschaften, die viel
früher als die deutsche offensiv auf kulturelle Bruchlinien
reagieren mussten. Die ehemalige Kolonialmacht England hatte in den
60er- und 70er-Jahren immer wieder mit schweren Klassen- und
Rassenunruhen zu kämpfen. Erst in den 90er-Jahren entstand aus
der Absonderung der indischen und westindischen Bevölkerung
der Ansatz einer Multikulturalität, nun aber bereits unter den
Bedingungen der Unterhaltungsindustrie. Ethnische Vielfalt (der
Musikstile, der Mode, der Idiome ...) wurde als Reichtum erkannt
und sukzessive einer gezielten Verwertung zugeführt. Das
deutsche Kino laboriert auch auf diesem Feld an den
Verspätungen, die immer noch den historischen Umständen
des Nationalsozialismus und der nationalen Teilung geschuldet sind.
Sowohl das west- wie das ostdeutsche Nachkriegskino waren kulturell
homogen. Das gilt für die DDR-Filme wie für die
"Heimatfilme" und für "Papas Kino", aber auch für den
Neuen Deutschen Film nach 1962.
Rainer Werner Fassbinders "Angst essen Seele
auf" (1973/74) war eine auffällige Ausnahme. Die tragische
Liebesgeschichte zwischen Emmi (Brigitte Mira), einer
60-jährigen Putzfrau, und Ali (El Hedi Ben Salem), einem 30
Jahre jüngeren Automechaniker aus Nordafrika, hatte den
Arbeitstitel "Alle Türken heißen Ali" und brachte darin
zum Ausdruck, welche Schwierigkeiten die Deutschen mit den
"Gastarbeitern" hatten, die ins Land kamen, ohne dass man sie als
Bürger für voll nahm. Fassbinder war ein Regisseur, der
politische Umstände in den Kategorien des von ihm bewunderten
amerikanischen Genrekinos wahrnehmen und ausdrücken konnte.
Deswegen ist "Angst essen Seele auf" gleichermaßen Hommage an
das Melodram der einsamen Frau, wie es Douglas Sirk in "All that
Heaven Allows" (1955) idealtypisch realisiert hatte, und Analyse
der bundesdeutschen Gegebenheiten in den 70er-Jahren.
Noch in Fatih Akins "Gegen die Wand" (2004),
in dem die beiden Deutschtürken Cahit und Sibel an einer Liebe
verzweifeln, zu der sie nicht mehr den Mut und die Kraft
aufbringen, ist das Motiv für das negative Ende eher
melodramatisch als soziologisch. Drei Jahre zuvor war Fatih Akin
mit dem Versuch eines großen Liebesfilms gescheitert: In "Im
Juli" (2000) ist die Reise nach Istanbul, die Daniel unternimmt,
keine Fahrt in das kulturell Andere - auch wenn er einer exotischen
Schönheit hinterherreist -, sondern ein Erkenntnisprozess, in
dem er seine Liebe zu einem deutschen Mädchen begreift. Fatih
Akin zielte mit "Im Juli" deutlich auf großes Gefühlskino
und wollte damit vielleicht auch aus den Beschränkungen seines
Herkunftsmilieus in Hamburg ausbrechen. Dort hatte er 1998 den Film
"Kurz und schmerzlos" gedreht, wofür er Vergleiche mit "Mean
Streets" von Martin Scorsese geerntet hatte.
Diese Tradition bleibt im deutschen Kino bis
heute unterrepräsentiert: Die Darstellung urbaner Verdichtung,
häufig im Genre des Polizei- oder Kriminalfilms, hat in den
Fernsehformaten wie "Tatort" ihren Ort und konnte im Kino nie
wirklich Bedeutung gewinnen. Dabei gibt es charismatische
Darsteller wie Erdal Yildiz, der in "Freunde" (2000) von Martin
Eigler eine Hauptrolle spielte. Eigler kommt vom Fernsehkrimi und
arbeitet inzwischen auch wieder hauptsächlich dort. "Freunde"
ist der rare Fall eines stilsicheren Films zwischen den Milieus, in
diesem Fall in Berlin.
Da das deutsche Kino, wo es nicht auf eine
prekäre Weise die eigene - nationalsozialistische -
Vergangenheit ausbeutet, immer nach internationalen Vorbildern
schielt, konnte der Trend zur multikulturellen Komödie nicht
unbemerkt bleiben. Im Einwanderungsland USA sind alle
Bevölkerungsgruppen im Kino repräsentiert und sieht man
von Ausnahmen wie Paul Haggis' pathetischem "LA Crash" (2005) ab,
dann hat sich die Komödie als das Genre für den
multikulturellen Alltag durchgesetzt. Der britische Hit "Kick it
Like Beckham" (2002) oder der amerikanische Indie-Erfolg "My Big
Fat Greek Wedding" (2002) haben Nachahmer auch in Deutschland
gefunden. Anno Sauls "Kebab Connection" (2004) war ein besonders
unverhohlener Versuch, in einen griechisch-türkischen Konflikt
in Hamburg auch noch den Genre-Mehrwert des asiatischen
Kampfsportkinos zu integrieren. Die ungeschickte Hybridität
dieses Films ist ebenfalls Symptom des Nachahmertums des deutschen
Kinos in allen Bereichen der kulturellen Differenz.
Die Mühen der multikulturellen Ebene,
von Ethno-Gastronomie bis zu Asyldramen, wurden in den vergangenen
Jahren in der Fernsehserie "Lindenstraße" durchgearbeitet. Es
ist dabei schwer einzuschätzen, ob eine politische
Korrektheit, die ihre Rigidität noch aus der
Vergangenheitsbewältigung und der schwierigen Versöhnung
mit den Juden bezieht, diese Themen mit einem Tabu belegt hat oder
ob es tatsächlich einen starken Wunsch nach gesellschaftlicher
Homogenität in Deutschland gibt, den das Kino als kommerzielle
Kunst nicht stören wollte. Die Profite der Differenz, die in
der ganzen Welt inzwischen honoriert werden, erweisen sich dann
aber doch als das stärkere Motiv.
So wurde sogar das letzte multikulturelle
Tabu in Deutschland gebrochen: In Dani Levys Komödie "Alles
auf Zucker" darf über das orthodoxe Judentum gelacht werden.
Die Geschichte eines säkularen Ostberliners mit
verschütteter jüdischer Identität wurde als
Fernsehfilm gedreht, weil sie für eine Kinoauswertung zu
kontrovers erschien. Erst nach dem positiven Echo auf die Sendung
wurde "Alles auf Zucker" in den Kinos gestartet und damit zu einem
Kandidaten für den Deutschen Filmpreis. Dass auch Dani Levy
eher auf Klamauk denn auf Witz setzt, deutet allerdings darauf hin,
dass das deutsche Kino in diesen Fragen noch immer alles andere als
stilsicher ist. Nur krasse Dummköpfe wie Erkan und Stefan
können ohne Skrupel multikulturell leben.
Bert Rebhandl arbeitet als freier Journalist und Autor in
Berlin.
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