Blog der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft

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Medienkompetenz und Jugendmedienschutz ‚Äď Ein Missverh√§ltnis

Montag, 13. September 2010

Auf der Ebene der Europ√§ischen Union wird die Vermittlung von Medienkompetenz als ein strategischer Gesichtspunkt und Standortfaktor betrachtet. Medienkompetenz sei in der digitalen Welt Voraussetzung f√ľr eine wettbewerbsf√§hige Content-Industrie und f√ľr eine integrative Wissensgesellschaft, hei√üt es in einer Ende Original-Link -->Empfehlung der Kommission von August 2009. Demnach m√ľssen die B√ľrgerinnen und B√ľrger analytische F√§higkeiten entwickeln, um Medien und Medieninhalte zu verstehen, kritisch zu bewerten sowie selbst in vielf√§ltigen Kontexten zu kommunizieren. Laut Kommission ist ein besseres intellektuelles und emotionales Verst√§ndnis der digitalen Medien gefordert, das zugleich √ľber die Chancen und Herausforderungen medial √ľbermittelter Informationen aufkl√§rt und die aktive Teilhabe in Informations- und Kommunikationsnetzen erm√∂glicht.

Auch in Deutschland wird die Problematik zunehmend erkannt. Dennoch fehlt es weiterhin an einem umfassenden Konzept zur F√∂rderung von Medienkompetenz. Bund und L√§nder bef√∂rdern fr√∂hlich Einzel- und Pilotprojekte. Letztere teils √ľber die Landesmedienanstalten, deren Budget sich nicht aus den L√§nderhaushalten, sondern aus Anteilen an der Rundfunkgeb√ľhr speist. Eine systematische Vermittlung von Medienkompetenz in Kinderg√§rten, Horten und Schulen findet nicht statt. Von der von der EU-Kommission empfohlenen Aufnahme der Medienerziehung in die schulischen Pflichtlehrpl√§ne ist Deutschland weit entfernt. Denn das kostete Geld, erheblich mehr Geld als bislang zur Verf√ľgung steht. Auch deshalb ist es kein Wunder, dass sich Teile der Politik, statt Aufkl√§rung zu bef√∂rdern, immer wieder unter das Regiment des Jugendmedienschutzes stellen.

Zu welchen Widerspr√ľchen das f√ľhrt, mag das Beispiel der Games-Industrie verdeutlichen. Sie hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Die Computer- und Videospielbranche bildet das am st√§rksten wachsende Segment der Medienwirtschaft in Deutschland. Sie macht heute mehr Umsatz als die Filmindustrie an den Kinokassen. Diese Umsatzzahlen allerdings erreicht sie in erheblichem Ma√üe durch Entwicklung und Verkauf gewalthaltiger Spiele. Man muss solche Spiele nicht m√∂gen, um zu begreifen, dass es sich bei dieser Art von Unterhaltung durch Spiel l√§ngst um eine massenmediale Erscheinung der Popul√§r- und Alltagskultur handelt und Forderungen nach dem Verbot sogenannter ‚ÄěKillerspiele‚Äú in die Irre f√ľhren. Im Falle von Online-Spielen, dem momentanen Expansionspfad der Games-Industrie, w√ľrde die Durchsetzung solcher Verbote zudem unweigerlich zu Internetsperren f√ľhren ‚Äď mit den bekannten Kollateralsch√§den und der Folge, dass die universelle Netzinfrastruktur zu einer Kontrollinfrastruktur umgebaut w√ľrde.

Tats√§chlich ist die Liste potentiell zu l√∂schender Inhalte aus Sicht eines repressiven Jugendmedienschutzes lang: Neben den erw√§hnten Online-Games kommen ‚Äď ohne Anspruch auf Vollst√§ndigkeit zu erheben ‚Äď Hass- und Gewaltverherrlichung, Pornographie sowie Gangsta- und Porno-Rap, Nazipropaganda und Holocaust-Leugnung, religi√∂ser Extremismus und Fanatismus, entw√ľrdigende Darstellungen und Ende Original-Link -->Cyber-Mobbing in Frage. All das ist im Netz und Web2.0 auffindbar, wenngleich nicht in einem Ausma√üe, in dem es die oft anzutreffende mediale Skandalisierung zu beschreiben sucht. Jugendmedienschutz als Verbotsp√§dagogik neigt dazu, die negativen Aspekte in der Mediennutzung Heranwachsender zu √ľberzeichnen und das Internet als einen Tummelplatz der Unmoral, einem Hort der Perversion und des best√§ndigen Tabubruchs darzustellen. Der vermeintlich ethische Grundkonsens einer Gesellschaft, auf den sich ein repressiver Jugendmedienschutz zu berufen trachtet, ist eben auch immer interessengeleitete Auslegung.

Die von den Ministerpr√§sidenten der L√§nder im Juni beschlossene Novellierung des¬† Jugendmedienschutzstaatsvertrags ist Ausdruck dieses grundlegenden Missverh√§ltnisses. Jugendmedienschutz √ľber Sendezeiten ‚Äď analog zum Fernsehen ‚Äď ist f√ľr das Internet absurd, selbst dann, wenn dadurch eine bereits bestehende Regelung fortgef√ľhrt wird. Zudem lassen alternativ vorgesehene Alterskennzeichnungspflichten f√ľr Inhalte Netzsperren durch die Hintert√ľr erwarten. Insbesondere Angebote aus Blogs und Sozialen Netzwerken, die sich den irrsinnigen Kontrollverfahren aus der Welt des nationalen Rundfunks wissent- oder unwissentlich nicht unterziehen, verschw√§nden k√ľnftig hinter Filterprogrammen. Nahezu das gesamte Web2.0 w√§re potentiell jugendgef√§hrdend. Eine Sperrinfrastruktur entst√§nde mittelbar und nutzerautonom durch im Umgang mit digitalen Medien √ľberforderte Eltern. Ausschluss und Zensur, statt Partizipation und Kommunikation w√§ren die nicht (?) beabsichtigten Folgen.

Jugendmedienschutz als Verbotsp√§dagogik ist das genaue Gegenteil zu Verstehen und kritischem Bewerten von Medieninhalten sowie einer aktiven Teilhabe in Informations- und Kommunikationsnetzen. Das Internetzeitalter hingegen erfordert konstruktive L√∂sungen im Umgang mit digitalen Medien. Kinder und Jugendliche m√ľssen lernen, mit virtuellen Welten umzugehen und Risiken abzusch√§tzen. Die Bildung eines kritischen Verstandes und die F√§higkeit, Realit√§t und Vision zu unterscheiden, ist unabdingbare Voraussetzung f√ľr eine moderne Medienbildung. Die Medienp√§dagogik h√§lt dazu brauchbare Konzepte bereit. Doch fehlt es in Schulen und Bildungseinrichtungen an Lehrmaterialien, ermangelt es Lehrerinnen und Lehrern an Sach- und Vermittlungskompetenz, sind die Missst√§nde in der Lehreraus- und -fortbildung weiterhin gro√ü und enthalten Rahmenlehrpl√§ne blo√ü pauschale, den Bedingungen von Web2.0 und digitaler Kommunikation nicht standhaltende Vorgaben.

Es ist kein Zufall, dass professionelle Medienp√§dagogen die schulische Medienkompetenzf√∂rderung als desolat beschreiben und lediglich im Land Th√ľringen ein eigenes Schulfach Medienkunde besteht. F√∂rderung von Medienkompetenz ist mangels Bildungsinvestitionen zu einer Leerformel verkommen. Dennoch wird eine digitale Gesellschaft nicht umhin k√∂nnen, die F√∂rderung von Medienkompetenz als Bildungsaufgabe zu begreifen. Kinder und Jugendliche k√∂nnen lernen, Verantwortung zu √ľbernehmen, indem sie digitale Medien kritisch reflektieren und selbstbestimmt handelnd in ihr Lebensumfeld integrieren. Verbote helfen dazu nicht.

Zur Umsetzung eines umfassenderen Konzepts von Medienkompetenz ist zuallererst die Infrastruktur und das Know-how in allen Schulen- und Bildungseinrichtungen bereitzustellen, Medienkompetenzf√∂rderung verpflichtend zu verankern, mit der F√∂rderung bereits in Horten und Kindertagesst√§tten zu beginnen, Familien- und Elternbildung sowie den au√üerschulischen Bereich einzubeziehen sowie deren Vermittlung in die Ausbildungsinhalte von Erziehern, Lehrern und Sozialp√§dagogen aufzunehmen. Auf diese Weise w√§re Medienkompetenz gewisserma√üen vorausschauender Jugendmedienschutz und machte den prohibitiven Jugendmedienschutz endg√ľltig √ľberfl√ľssig. Das allerdings bedeutete eine gesellschaftliche Bildungsaufgabe, nicht eine aus Gr√ľnden von Markt und Wettbewerb.